Das Kassandra-Projekt

Das Kassandra-Projekt entstand aus einer Idee auf dem Seminar „Nichts bleibt wie es ist“ im Herbst 2016 auf Kreta.

Wie wäre es, so fragte ich mich, wenn wir noch einmal in die Zeit zurückgehen würden, in der die patriarchalen Strukturen mit Krieg, Gewalt und Frauenverachtung nach Europa kamen? Warum fragen wir nicht die alten mythischen Frauengestalten jener Zeit, wie es eigentlich dazu kommen konnte. Und so machten wir uns vom 25. April bis 2. Mai 2017 auf die erste Reise. Nach Santorin. Nach Naxos. Nach Mykene. Und so werden wir uns 2018 im Mai auf die zweite Reise machen. Diesmal führt sie uns von Kreta mit dem Schiff auf die Insel Kythira. Von dort mit dem Schiff nach Monemvassia. Und weiter nach Mykene und dann nach Delphi, bevor wir von Athen wieder zurückfliegen. Während wir uns auf der ersten Reise den mythischen Frauengestalten in uns näherten, ist das Thema der zweiten Reise 2018: Erkenne dich selbst – die alten Orakel und ihr Geheimnis.

Wenn du Lust hast, mitzukommen, dann melde dich bei mir. (aliti@schlangenberg.at).

(Wasserfälle auf Kythira)

Ein Perspektivwechsel – eine Reise

Stimmen erinnern.

Höre sie flüstern, rufen, schreien.

Wer weiß schon noch, wer Tyche, Ariadne, Penthesilea, Medea, Kassandra, Klystämnestra und Elektra waren und welche Bedeutung sie für uns Frauen in Europa bis auf den heutigen Tag haben. Wer weiß noch von dieser Gerichtsverhandlung vor 3500 Jahren, als zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit der Mord an einer Mutter ungesühnt blieb. Oder Ariadnes Verrat. Oder Medeas Verrat. Oder vom Kampf der mutigen Amazone Penthesilea gegen Achill. Warum die Furien seither machtlos wüten. Wer weiß, wie es wirklich war? Und warum sollte das jemand heute noch wissen wollen?

Deshalb: Wenn wir verstehen wollen, warum unsere Welt so ist wie sie heute ist, müssen wir in der Zeit zurückgehen. Bis dorthin, wo alles begann. „Alles“ ist der Krieg als alltägliche Gewohnheit, die Unterwerfung der Frau, diese seltsame autoaggressive Handlung einer Spezies, die es bei keiner anderen Art gibt.

Was wir dafür benötigen, ist ein Perspektivwechsel, wenn wir die alten Mythen lesen lernen. Das ist ein Abenteuer eigener Art schrieb Christa Wolf damals vor zwanzig Jahren, als sie die Geschichten von Kassandra und Medea neu erzählte.

Vorwärts in die Vergangenheit?

Dazu möchte ich mit euch an die Stätten in Griechenland reisen, an denen alles geschah. Will euch das dunkle Jahrhundert, (das 13. Jahrhundert vor Zeitrechnung) Europas erhellen, als wir Frauen unsere Freiheit verloren. Wir reisen zuerst nach Santorin, um der alten minoischen Kultur nahe zu sein. Dann geht es weiter nach Naxos, wo Ariadne begriff, dass sie eine verratene Verräterin war und zum Schluss auch noch über Korinth zum Palast von Mykene, den Zentren, wo die Geschichten von Medea, Kassandra, Klytämnestra und Elektra zusammenlaufen.

Warum eine Reise in die Vergangenheit? Das hat doch mit uns nichts mehr zu tun?

Eine Gesellschaft, die nicht weiß, wo sie herkommt, weiß nicht, wohin sie geht. Ohne Ausgangspunkt kein Ziel. Was wir dabei in der Schule über die alten Mythen lernten, sind alte Propagandaberichte der Eroberer. Noch heute ist von einem König Minos die Rede, wenn von der alten kretischen Kultur erzählt wird. Nur, dass der erstens etwa 1200 Jahre alt geworden sein muss, wenn wir der Propaganda glauben und außerdem findet sich nirgendwo auf Kreta auch nur der kleinste Fund, der auf einen König in jener Zeit hinweisen würde, wohl aber gibt es Anlass anzunehmen, dass neun Priesterinnen die Geschicke der Insel lenkten. Wollen wir Frauen also wissen, wohin wir wollen, müssen wir die alten Zeiten einem Perspektivwechsel unterziehen; müssen schauen, was für Geschichten entstehen, wenn sie aus Frauensicht erzählt werden. Wir müssen wissen, wie es dazu kommen konnte, dass wir heute nach Jahrtausenden endlich wieder frei sind, aber nichts mit unserer Freiheit anzufangen wissen. Auch haben wir die Pflicht, unseren Töchtern und Söhnen und unseren Enkelkindern davon zu erzählen, wer wir waren und wie wir wurden, wer wir sind. Wenn wir es nicht bewahren, tut es keiner.

Das Kassandra-Projekt

Kann es sein, dass sie uns etwas zu sagen haben? Sollten wir endlich Kassandra zuhören? Und Medea rehabilitieren? Und Elektra zur Verantwortung ziehen? Ich will die Arbeit Christa Wolfs aufgreifen und fortführen. Nennen wir es Arbeit an unserem geistigen und seelischen Fundament.

Wer waren diese Frauen?

Märchenfiguren aus erdachten Dramen, die sich einsame Dichter ausgedacht haben? Unwahrscheinlich. Menschen geben seit mehr als Menschengedenken weiter, was Menschen erlebt haben. Dass man damit ziemlich richtigliegt, hat allein schon Heinrich Schliemann bewiesen, der sich genau an die Beschreibungen in den alten Mythen hielt und sowohl Mykene wie auch Troja fand. (und nicht nur er) Wir haben überdies ziemlich gute Berichte über eine Zeit, die schon im Hellenismus tausend Jahre vorüber war, in der ganz offensichtlich das Leben dieser großen Frauen angesiedelt war und das in die Geschichtsschreibung als das „dunkle Jahrhundert v.Z.“ einging. Eine Zeit großer Naturkatastrophen und kriegerischer Invasionen von Völkern, die aus dem Norden kamen und heute bei den Archäologen Luwier genannt werden.

Warum die weibliche Sicht eine andere Wirklichkeit erschafft und weshalb die Entmachtung der Männer mein Ziel ist. Mögen sie uns Freund, Bruder, Geliebter und Gefährte sein. Unsere Söhne sind sie ja allemal. Jedoch niemals mehr unsere Herren. Die Welt in ihren Händen führt zu Krieg und Zerstörung. Für solche Gedanken wurde ich, seit ich denken kann, als radikal bezeichnet und mal bewundert, mal gemieden, auch bekämpft, lächerlich gemacht und ignoriert. Man lernt, damit zu leben. Wichtigster Teil meines Werkes jedoch war immer die Frage, was denn unserer, der Frauen Anteil an diesem männlich-hierarchischen Realitätsprinzip ist? Denn das ist für mich entscheidend. Das Kassandra-Projekt befasst sich genau mit dieser Frage. Was hast du getan, Mutter, Schwester, Tochter, Freundin, Geliebte, Gefährtin, dass es so kommen musste? So lautet die Frage an Ariadne, an Medea, an Kassandra, an Klytämnestra und Elektra. Dreieinhalbtausend Jahre später fragen wir das. Weil wir vielleicht mit der Rückkehr an diese Knotenpunkte der alten Angst erkennen können, was wir heute tun müssen.

Die Reise

Ein Seminar auf Reisen über eine Welt der Frauen und ihren Untergang. 3500 Jahre später stehen wir an den Orten, wo alles geschah. Komm mit!

 Was nach der Reise kommt

Ein Auftakt wie ein Paukenschlag soll sie sein, die Reise. Aber danach geht es erst so richtig los. Theater, Vorträge, Sommerseminare! Das Kassandra-Projekt wird viele Facetten haben.

Das Theaterstück

Ich sehe sie vor mir, die vielen Frauen in der heutigen Zeit, wie sie sich über Wasser halten. Sitzen allein, manchmal zu mehreren, manchmal mit kleinen Kindern in ihren kleinen Rettungsbooten und halten sich über Wasser. Manche tun alles, um auf eines der Kreuzfahrtschiffe zu gelangen, da geht es lustig zu. Aber es dauert nicht lange, dann hocken sie wieder in einem kleinen Rettungsboot und halten sich über Wasser. Keine hat eine Chance. Sie gehen alle unter. Und das ist das Beste, was ihnen passieren kann. Wenn im Wasser alle Trennung zwischen ihren Körpern und der Welt aufgelöst sind, steigen sie wieder auf. Ihre Überreste werden an ein Ufer gespült und vom Wind auf einen Felsen getragen, von dem sie herabstürzen und in einem Buschfeuer verbrennen. Wieder und wieder auferstanden ist alle Furcht vorüber. Für immer. In diesen Metaphern verstecken sich alle Krisen, durch die sie gehen müssen und gehen werden, um eine starke, eine reife, eine freie Frau zu werden. Unterwegs hören sie Stimmen, sehen sie Gestalten, die erzählen. Du kannst die Gestalten fragen.

Das Theaterprojekt

Ein internationales Theaterprojekt, das durch mehrere Länder der EU auf Wanderschaft gehen wird. Ein interaktives Stück, in dem die mythischen Frauengestalten von professionellen Schauspielerinnen dargestellt werden. Und wir Zuschauer/innen können mit ihnen sprechen, sie befragen, sogar mit ihnen streiten. Und nehmen so auch unsere Rolle im Spiel ein. Während wir Zuschauer/innen in unseren kleinen Rettungsbooten sitzen, schauen sie uns vom Ufer einer mythischen Insel beim Leben zu.

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