Heißes Herz – Leseprobe

Heißes Herz

Die Schwarze Witwe stand auf, um auf die Toilette zu gehen. Schwungvoll und locker sprang sie über die Eingangsstufe zur kleinen Hotelhalle und prallte ungebremst in eine Gestalt, die gerade dabei war, das Hotel zu verlassen.

„Excuse me“, murmelte Stacey Kline.

„Excuse me“, murmelte die Schwarze Witwe und wurde verhältnismäßig rot.

„Haben Sie sich verletzt?“ fragte Stacey und blicke die Schwarze Witwe aus tiefgrünen Augen an.

Die wußte auf einmal, daß sie in fremde Gewässer geraten war, und fühlte sich plötzlich ein wenig schwach auf den Beinen. „Ist schon in Ordnung“, sagte sie und rührte sich nicht vom Fleck.

„Das ist gut“, sagte Stacey und wartete darauf, daß die kleine dunkelhaarige Frau vor ihr den Weg freigab.

Die kleine dunkelhaarige Frau dachte nicht daran, weil es ihr überhaupt nicht bewußt war, daß sie im Weg stehen könnte. Sie schaute auf die große Frau, die vor ihr stand, und schien in ihren Anblick zu versinken. Ihr Herz klopfte bis hinauf in den Hals. Ihr Herz raste. Es kam ihr vor, als schleiften ihre Arme auf dem Boden. Sie wagte sich nicht zu bewegen, dann sie war sicher, ihre Unbeholfenheit und Hölzernheit müßten die Frau auf der Stelle verscheuchen.

Sie konnte sich vorstellen, daß ihr Gesicht womöglich einen wenig vorteilhaften, wenn nicht gar dümmlichen Ausdruck hatte, und nichts erschien ihr unangebrachter als das.

„Wo gehen Sie hin?“ fragte sie auf einmal.

„Wie bitte?“ erwiderte Stacey.

„Wohin wollten Sie gerade gehen?“ weiderholte die Schwarze Witwe.

„Warum wollen Sie das wissen?“ lautete die Gegenfrage.

„Weil ich mitkommen werde“, hörte die Schwarze Witwe sich sagen und hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. „Ich meine, gefällt es Ihnen auf Kreta?“

„Was?“ Stacey lachte leicht irritiert. „Ihr Europäer seid seltsam. Ihr stellt so komische Fragen.“

„Wer – ich?“ fragte die Schwarze Witwe zurück und weitete die Nasenflügel, als wollte sie ihr Gegenüber erschnuppern.

„Wollen Sie ein Autogramm?“ erkundigte sich Stacey.

„Seh ich so aus?“ wies die Schwarze Witwe das Angebot zurück. „Und überhaupt – wer sind Sie, daß Sie Autogramme verteilen wollen.“

„Sie kennen mich nicht?“ fragte Stacey überrascht.

„Nein“, sagte die Schwarze und holte tief Luft. Dann hörte sie sich sagen: „Aber das läßt sich ja ändern. Kommen Sie doch an unseren Tisch und trinken Sie einen griechischen Kaffee mit uns.“

„Danke für das Angebot“, erwiderte Stacey. „Aber ich muß gehen.“

„Schade“, sagte die Schwarze und stand noch immer im Weg.

„Ja.“ Stacey erwiderte lächelnd den tiefen Blick der Schwarzen Witwe. Das hätte sie besser nicht getan. Oder zumindest wäre es besser gewesen, wenn sie wirklich nichts gewollt hätte. Aber in der Tiefe ihres Herzens war an diesem Morgen etwas durch den Anblick einer roten Rose vor ihren Füßen berührt worden. Etwas, von dem sie geglaubt hatte, daß es in Zukunft für sie ohne Bedeutung sein würde. Und weil dies so war, hielt sie dem Blick der Schwarzen Witwe stand.

Sie sank in die dunklen Augen, die sie anblickten, und hatte für einen kleinen Augenblick das Gefühl, als umhüllte sie ein Hauch von Zärtlichkeit, als zöge ein Wind sie aufs Meer hinaus.

„Tanzen Sie Tango?“ fragte die Schwarze und hielt Stacey weiter mit ihren Augen fest.

„Nein“, sagte Stacey.

„Ich auch nicht“, sagte die Schwarze Witwe. „Ist auch besser so. Sie sind viel zu groß für mich.“

„Bitte?“ sagte Stacey.

„Ich meine zum Tanzen.“

„Tanzen?“ sagte Stacey. „Sind sie vielleicht verrückt?“

„Im Augenblick ja“, gab die Schwarze Witwe zu.

„Laß unsere Gäste in Ruhe“, brüllte Schulz von seinem Tisch aus. „Diese Frau wartet darauf, daß sie vorbeikann, siehst du das denn nicht?“

„Verzeihung“, murmelte die Schwarze Witwe und trat zur Seite. Sie warf Manolis einen wütenden Blick zu und verschwand im Hotel. Stacey sah ihr nach. Es war ihr anzumerken, daß sie diese Begegnung nicht einordnen konnte. Sie schüttelte lächelnd den Kopf und ging um die Ecke, um ihre Eselin zu holen, die sie dort festgebunden hatte.

„Es gibt Augenblicke, da wünsche ich mir, daß du tot umfallen mögest“, sagte die Schwarze Witwe, die an den Tisch zurückgekehrt war, als sie sich wieder setzte. Ärgerlich starte sie ihren alten Freund an. „Ich weiß nicht, wie Maria es mit dir aushält.“

„Frag mich lieber, wie ich es mit Maria aushalte.“

„Warum mischt du dich einfach in meine Gespräche mit anderen Leuten?“

„Laß sie in Ruhe“, brummte Manolis in seinen Bart. „Sie hat Sorgen. Sie ist hier, um ihre Sorgen zu vergessen. Eine berühmte Frau. Die haben alle Sorgen, diese berühmten Leute.“

„Davon habe ich gehört“, bestätigte die Schwarze Witwe und zerriß gedankenverloren das dritte Papiersäckchen mit Zucker. „Ich kann sorgenvollen Frauen bestens die Sorgen vertreiben helfen“, behauptete sie dann großspurig. Frieda nickte.

„Hi“, sagte Stacey hinter ihr.

Die Schwarze Witwe sprang vom Stuhl auf, als hätte sie Sprungfedern unter den Füßen, und drehte sich um.

Vor ihr stand die große herbschöne Frau und lächelte. „Ich habe es mir überlegt. Ich nehme die Einladung an.“

„Einladung?“ sagte die Schwarze Witwe. „Welche Einladung?“ und versuchte ihre zitternden Hände in den Hosentaschen zu verstecken.

„Willst du der Dame nicht einen Stuhl anbieten?“ dröhnte Manolis.

„Willst du nicht tot umfallen?“ konterte die Schwarze. „Ich bin alt genug, um mich um meine Angelegenheiten selbst kümmern zu können.“

„Das stimmt nicht“, sagte Frieda.

„Fall mir nicht auch noch in den Rücken“, murrte die Schwarze. Dann drehte sie sich wieder zu der hochgewachsenen Kanadierin, die noch immer darauf wartete, am Tisch Platz nehmen zu dürfen. „Bitte setzen Sie sich doch“, sagte sie.

„Danke.“ Stacey setzte sich.

Dann saßen alle vier eine Weile steif und stumm auf ihren Stühlen. Der Wind nahm zu. Rauh rollten die Kiesel mit stärker werdendem Wellengang.

„Waren Sie heute schon schwimmen?“ begann Manolis die übliche kretische Höflichkeitskonservation.

„Manoli“, sagte die Schwarze.

„Was?“ fragte Manolis.

„Willst du nicht mal nach Elias Witwe schauen? Ich meine, Frieda will ihr Boot haben. Es gibt viel zu tun für dich.“

„Was? Jetzt?“ fragte Manolis.

„Ja“, sagte die Schwarze. „Jetzt. Eigentlich sofort.“

„Nein, jetzt nicht“, sagte Manolis. „Es ist viel zu früh. Vielleicht schläft sie noch. So eine Sache muß man ruhig angehen und mit viel Zeit.“

„Jetzt!“ Die Schwarze Witwe durchbohrte ihn mit Blicken. „Wir sind Fremde. Du weißt doch, Fremde haben nicht viel Zeit.“

„Seit wann bist du eine Fremde?“ widersprach Manolis.

„Ich bin eine Fremde“, beharrte die Schwarze und überlegte, auf welche Weise es ihr gelänge, ihn vom Tisch zu vertreiben. „Verschwinde“, sagte sie dann, sich für die direkte und unmißverständliche Variante entscheidend.

„Oh“, sagte Manolis. „Ich verstehe. Ja, du hast recht. Ich habe dringende Termine. Vielleicht ist Elias Witwe schon aufgestanden.“

Er erhob sich – viel zu umständlich, wie die Schwarze Witwe fand. Und dann ging er im bedächtigen schaukelnden kretischen Gang. Die drei Frauen sahen ihm schweigend nach, bis er um die Ecke verschwand. Die Stille am Tisch wurde danach so dicht wie griechischer Reispudding.

Die Schwarze Witwe überlegte fieberhaft, womit sie das Gespräch beginnen könnte. Verzweifelt suchte sie nach einem Ansatz, der lässig und locker genug war.

Hilfesuchend blickte sie sich nach Frieda um, aber Friedas Stuhl war leer. Die alte Frau war aufgestanden und gegangen, ohne daß die Schwarze oder Stacey es bemerkt hätten.

Befangen sahen beide Frauen sich an. Die Schwarze zerriß das vierte Papiersäckchen mit Zucker.

„Ich habe nicht die Absicht, eine Affäre mit Ihnen zu beginnen“, erklärte Stacey der verblüfften Schwarzen Witwe. „Ich meine, ich will nicht, daß Sie meine Anwesenheit falsch verstehen. Ihre freundliche Einladung hat mir gefallen. Ich meine, ich dachte erst, Sie sind ein Fan. Als ich gemerkt habe,daß Sie mich gar nicht kennen, habe ich gedacht, es wäre doch nett, Ihrer Einladung zu folgen. Wann habe ich schon mal die Gelegenheit mit Einheimischen, ich meine Sie sind doch Einheimische oder zumindest gehören Sie irgendwie dazu.“ Sie holte tief Luft. „Ich brauche Ruhe. Ich verbringe hier ein paar Monate, weil mir ein Freund sein Haus zur Verfügung gestellt hat. Ich mußte mich dringend für eine Weile aus meinem Leben zurückziehen. Es ging nicht mehr weiter so.“

„Warum?“ erkundigte sich die Schwarze Witwe, heilfroh, sich auf einem Terrain bewegen zu können, das etwas sicherer schien.

„Ich habe diese Karriere so sehr gewollt wie nichts in meinem Leben. Dann habe ich Pat so sehr gewollt wie nichts in meinem Leben. Sie ist so smart, wissen Sie. Eine echte New Yorkerin. Sie hat sich nicht beeindrucken lassen von meinem Ruhm. Die Beziehung zu ihr war wie nach Hause kommen.“

„Und Ihre Karriere blieb auf der Strecke?“ faßte die Schwarze nach.

„Woher wissen Sie das?“ erkundigte sich Stacey verblüfft.

„Und nun ist die Karriere in einer Sackgasse und Ihre Liebe zu Pat abgekühlt. Richtig?“

„Richtig“, bestätigte Stacey.

„Was war denn das für eine Karriere?“

„Ich bin Stacey Kline“, sagte Stacey Kline.

Die Schwarze Witwe starrte sie ungläubig an. „Die Stacey Kline?“ fragte sie. „Ich meine, die Sängerin? Das Idol aller Lesben? Der Schwarm aller Frauen?“

„Yes, ma’am“, sagte Stacey breit grinsend.

„Ich glaube, Nina hatte alle Ihre Alben“, sagte die Schwarze, und es klang, als stellte sie fest, daß sie gemeinsame Verwandte besäßen.

Stacey grinste.

„Ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt“, sagte die Schwarze.

„Kann ich mir vorstellen“, erwiderte Stacey. Sie griff behutsam in die Tasche ihres Sakkos und brachte eine rote, leicht zusammengedrückte Rose zum Vorschein. „Schauen Sie, die habe ich heute gefunden, daß heißt, ich glaube, ich habe sie geschenkt bekommen.“

Die Schwarze Witwe durchlief in Sekunden alle Schattierungen von kreidebleich bis krebsrot. Menschen, die sie gut kannten, hätten möglicherweise gesagt, sie rang nach Luft. Aber das hätte die Schwarze selber natürlich nie zugegeben. „Finden Sie so etwas kitschig?“ fragte sie.

„Kitschig? Nein, ganz und gar nicht.“

„Das ist gut“, sagte die Schwarze.

„Wieso?“ wollte Stacey wissen.

„Weil ich sie Ihnen vor die Füße geworfen habe“, hauchte die Schwarze Witwe beinahe unhörbar.

„Sie also“, nickte Stacey und hob die Rose an ihre Nase, ohne den Blick der Schwarzen Witwe loszulassen.

Das war der Augenblick, in dem sich die Schwarze Witwe unheilbar in die Ikone der internationalen Lesbenbewegung verliebte.