- - - 7. November 2017 - - -

Macht brechen geht anders

 

Wie ein kleiner mieser Schuster in Lüchow mir einst zeigte, worauf Männerherrschaft beruht

Das hätte sich eigentlich jede Frau, die ihre Sinne einigermaßen beisammen hat, doch denken können, dass eine feministische Aktion, die ausgerechnet von Hollywood ausgeht, auf tönernen Füßen steht und ungefähr so wirklichkeitstauglich ist wie seine Filme. Es ist schon schwierig genug, feministische Aktionen, die aus den USA kommen, befreit von amerikanischer Schwülstigkeit und Pathos bei uns auf dem Boden unseres alltäglichen Erlebens landen zu lassen. Aber dann auch noch Hollywood? Amerika war schon immer das Paradies für Paranoia und die Art und Weise, wie Frauen den Kampf gegen sexuelle Belästigungen, Übergriffe und Nötigungen angehen, ist von ebendieser Paranoia, von Rache, Missgunst, Narzissmus, Trittbrettfahrerei und Denunziantentum bedroht. Denn die Aktion hat weder Ziel noch Plan noch Struktur. Und darum hat sie leider auch keine Angemessenheit. Sie ist wirr und hysterisch. Das können wir im Bemühen und im Kampf für die rechtliche Gleichheit der Geschlechter, gegen sexuelle Gewalt und für einen respektvollen Umgang miteinander gerade so dringend brauchen wie Basti Sturz und Heinzi Krache als Frauenministerinnen. Was genau wollen die Frauen eigentlich mit ihren Bekenntnissen erreichen? Wobei ich betonen muss, dass ich keiner Frau ihre Erfahrungen abspreche und ihnen selbstverständlich zugestehe, dass es viel Mut zu diesen Bekenntnissen braucht. Dass ich mich dazu genötigt fühle, dies extra noch zu betonen, darf als ein Zeichen dafür gewertet werden, dass wir in dieser Angelegenheit auf dem besten Wege sind, unverzüglich in eine kollektive Psychose zu steuern. Was also wollen die Frauen? Dass die betroffenen Männer, nein eigentlich alle Männer im Stil einer amerikanischen Erlöserkirche vor uns hintreten und ihre Sünden bekennen? Ja und dann? Um dieses „ja und dann“ geht es mir. Denn da ist nichts. Gar nichts. Nada, niente, nix. Das Problem für uns Frauen mit der Männerherrschaft ist doch, dass jemand, der Privilegien hat, nichts davon mitbekommt. Frauen und Männer bewegen sich auf vollkommen unterschiedliche Weise in dieser Welt. Und nur wenige Männer haben ein Bewusstsein dafür, was unsere wirklichen Probleme sind. Sie kennen diese vollautomatisierten Vorsichtsmaßnahmen und Einschränkungen nicht, die du verinnerlicht hast, wenn du weiblich bist und dich durch das Leben bewegst, weil du nicht zu den Privilegierten gehörst, ganz gleich wie emanzipiert und frei du lebst. Sie halten es für völlig normal, wenn sie die Grenzen der Frauen missachten und verletzen. Denn für sie sind da keine. Was jetzt mit der metoo-Aktion erreicht wurde, ist, dass ein kleiner Teil von Männern auf eine eher unangenehme Weise damit konfrontiert ist, dass da Grenzen sind, wo sie bis zu diesem Augenblick keine vermutet hatten. Sie lernen, so wie Kachelmann und jetzt Pilz, dass die Unkenntnis dieser Grenzen die Existenz kosten kann. Denn wenn Frauen so richtig sauer sind, kann es schon sein, dass sie ihrerseits Grenzen des Anstands missachten und ihn ans Kreuz nageln. Ja, und jetzt? Glaubt irgendeine Frau ernsthaft, dass sich jetzt etwas ändert? Ich füge mal ein Bekenntnis von mir zu dem ganzen Bekennerhype hinzu. Ein Ereignis, das mir überdeutlich gezeigt hat, worin die Macht der Männer besteht und wie diese Macht verankert ist. Ich war in meinen Dreißigern und war aus dem Großstadtleben ausgestiegen. Meine erste Station war im Wendland in Deutschland. Zu dieser Zeit hatte ich ein Paar metallicblaue Lederstiefel mit 10 cm hohen Stöckeln vom damalig angesagten Designer Fiorucci aus Mailand. Ich liebte sie über alles und trug sie ständig. Weshalb die Sohlen ständig durchgelaufen waren. In Hamburg hatte ich sie schon zweimal besohlen lassen müssen. Nun also Lüchow. Ich fand einen Schuster. Er besohlte sie mir mit einer feinen Ledersohle. Dann waren sie wieder einmal durchgelaufen (Ja, ich stand sogar am Acker mit den Dingern!). Ich gab sie zum Besohlen, ohne weitere Anweisungen, er kannte die Schuhe ja. Als ich sie zurückbekam, hatte er eine dicke Gummisohle druntergenagelt. Damit das mal länger hält, wie er sagte. Mir brach das Herz. Ich nahm die Schuhe und ging. Das feine metallicblaue Leder riss natürlich an der Nahtstelle zu den dicken Sohlen ein. Die Stiefel waren hin für immer. Ich sagte nichts. Ich bin nicht zu diesem Schuster gegangen und habe ihm vorgehalten, was er da getan hat. Heute, nach vierzig sturmumtosten Jahren wäre ich hingegangen und hätte ihm die Stiefel um die Ohren gehauen, ja nicht eher geruht als bis er nach Mailand geflogen wäre, um mir neue zu besorgen. Aber damals sagte ich nichts. Warum nicht? Weil ich schon früh, im Alter von neun bis elf Jahren gelernt hatte zu schweigen und mich nicht zu wehren, wenn mir nichts Gutes widerfährt. Ich war als Kind das Opfer sexueller Gewalt. Ihr findet das Schusterbeispiel an den Haaren herbeigezogen und zu harmlos? Vielleicht habt ihr sogar das Gefühl, dass es den vielen Bekenntnissen von Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen nicht gerecht wird? Ihr habt Recht und doch auch nicht.  Ich habe absichtlich dieses harmlose Beispiel gewählt. Denn wir erleben die Grenzüberschreitungen, böse und gut gemeinte, alltäglich. Und wir haben schon früh gelernt, nichts zu sagen, uns nicht zu wehren. Auch wenn jemand nicht Opfer sexueller Gewalt wurde. Da gibt es viele Mittel um das zu erreichen. Manche sind subtil, andere sind direkt und schonungslos. Sie haben ein kollektives Ziel: Die Macht der Männer über Frauen zu sichern. Männermacht ist hierarchisch. Darum haben einige wenige alte Männer die Macht über alle. Und die einzelnen Männer wenigstens noch die Macht über jeweils eine Frau. Es ist das Erkennungsmerkmal des Patriarchats, dass jeder Mann eine Frau haben kann. Wer das nicht glauben mag, denke mal bitte daran, warum Frauen und Männer in Beziehungen morden. Frauen, um den Kerl loszuwerden. Männer, um die Frau am Fortgehen zu hindern. Wir haben heute einige wenige Männer, die darüber reflektieren, wie sie die Macht der Frauen stärken können. Ein Mann, der dafür kämpft, dass wir eine frauenzentrierte Gesellschaft werden, ist mir noch nicht untergekommen. Wenn wir etwas an dieser Männerherrschaft ändern wollen, müssen wir sowohl im Bereich des kollektiven Bewusstseins tätig werden sowie für strukturelle Veränderungen kämpfen. Heute ist es noch immer so, dass jede einzelne Frau erst einmal ihr eigenes Bewusstsein soweit entwickeln muss, dass sie imstande ist zu erkennen, was da läuft. Bis das soweit ist, ist sie meist Vierzig. Bis dahin hat sie ihren Kindern vorgelebt, was Frauen sich alles von Männern gefallen lassen ohne etwas zu sagen. Und die nächste Generation ist präpariert. Dass es dabei sogar noch Rückschritte gibt, kann ein altes Zirkuspferd wie ich bestätigen. Während wir uns vor vierzig Jahren gegenseitig solidarisch in der Kindererziehung unterstützt haben, versuchen heutigen jungen Mütter, alles allein zu stemmen: Kindererziehung, Erwerbsleben und dazu noch Beziehungsleben, in welchem sie selbstverständlich die Zuständigkeit für Haushalt und emotionale Harmonie auch übernommen haben. Wir können erwachsenen Männern noch so oft auf die Finger hauen. Es wird nichts nützen, wenn wir nicht unseren Töchtern und Söhnen vorleben, was unsere Grenzen sind, dass und wie Mädchen und Frauen nein sagen, dass und wie Buben und Männer diese Grenzen achten. Ein Gefühl für Angemessenheit zu entwickeln ist eine soziale Leistung. Gehen wir augenblicklich mal davon aus, dass wir sie alle, Frauen wie Männer, nicht wirklich gut darin sind. Das lasst uns lernen. Das lasst uns unseren Kindern und Enkelkindern vorleben. Und lasst uns Frauen endlich ein Machtbewusstsein entwickeln. Ein echtes, ein wahres, damit Frauen es nicht nötig haben, es aus dem Hinterhalt heraus wie eine Heckenschützin als Waffe anzuwenden. Sie bringen uns andere Frauen unverdient in einen Loyalitätskonflikt und schaden der Sache der Frauen gewaltig. Wenn wir das Bewusstsein von Männern verändern wollen, dann ist es sinnlos, es über Einsicht zu versuchen, denn wie gesagt, sie haben da einen blinden Fleck. Ebenso wenig bringt es, sie an den Pranger zu stellen. Es ist genauso ein falsches Mittel. Ich wünsche mir, dass wir nein sagen lernen, und zwar gründlich. Und gezielt daran arbeiten, den Männern auf sinnvolle weil nachhaltige Weise die Flötentöne beizubringen. Wie? Darüber lasst uns die Debatte führen.

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Macht brechen geht anders“

  1. liebe angelika, ich gebe dir vollinhaltlich recht. mich überläuft ein sehr unangenehmer schauer, wenn ich an diese derzeitige metoo-kampagne denke und ich frage mich, was das ziel des ganzen sein soll, und was daraus wird? instrumentalisierung um ungeliebte männer in machtpositionen loszuwerden, verniedlichung irgendwann, bis gar „zickenalarm!“ ausgerufen werden kann etc.etc.etc. und das ganze wieder in der versenkung verschwindet. ich befürchte einen mißbrauch des themas von beiden seiten, nämlich männern wie frauen und es wird überhaupt nichts ändern. die strukturen werden weiterhin bestehen bleiben, die sozialisation ebenso, weil sich weder hier wie dort etwas am bewußtsein ändert und so auch nicht ändern kann. die ganze kampagne macht mir nur wieder die tatsächliche ohnmacht der frauen in diesem system bewußt und die unfähigkeit, da nehme ich mich nicht aus, aber auch oft die unmöglichkeit, die eigene macht auch nur wahrzunehmen, ebenso die ständigen und alltäglichen grenzverletzungen, und vor allem: aktiv gegenzusteuern. eine breite weibliche solidarisierung sieht für mich anders aus. danke für den text, er erleichtert mich, trotz des kummers über unsere lebensbedingungen.

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