- - - 11. Juni 2018 - - -

Unbeschreiblich weiblich

 

Wir haben in der Politik und in dieser im Bereich des Feminismus augenblicklich mit Ereignissen zu tun, die nicht einfach, wenn nicht gar ungewöhnlich sind. Diese Ereignisse nehmen mittlerweile so groteske Wendungen, dass ich mich einschalten möchte. Für meine deutschen Leserinnen werde ich ein wenig ausholen müssen. Die österreichischen Leserinnen bitte ich daher um Geduld, wenn ihnen meine Worte zu aus- und abschweifend erscheinen. Folgendes: Wir hatten Parlamentswahlen und vor diesen haben sich die Grünen bei uns praktisch vor laufender Kamera selbst zerlegt. Dabei spielte ein gewisser Peter Pilz eine Rolle, den die Grünen weghaben wollten, ein großer Teil Wählerinnen und Wähler aber nicht, denn er ist so eine Art Terrier ohne Beißhemmung. Ein Talent, das in der Opposition dringend benötigt wird, vor allem, wenn die Regierung rechter als rechts ist, wie es ja dann auch kam. Die Grünen flogen aus dem Parlament. Ein Opfer ihrer mit der Zeit entstandenen Dekadenz. Nur kein Mitleid, sage ich. Weil sie Schönwetterpolitiker/innen waren, kommen sie damit bis auf den heutigen Tag nicht so wirklich gut zurecht. Kann man verstehen, aber Wähler/innenwille gilt nun mal. Es sind aber nicht unbedingt die edelsten Seiten der menschlichen Seele, die da bei den gestürzten Grünen als Reaktion darauf, dass der verhasste Pilz es geschafft hatte, ihren Weg in die Welt fanden. Sie nutzten die metoo-Debatte, die gerade auf ihrem österreichischen Höhepunkt der Welle angekommen war und vernaderten den Pilz. Stichwort sexuelle Belästigung. Dazu gruben die Grünen als schlechte Verlierer eine alte Geschichte mit einer ehemaligen Mitarbeiterin aus und die Presse gleich noch eine zweite Sache, bei der es zwei männliche Zeugen gab, zu denen aber offenbar nur mir die Frage einfiel, wieso diese eigentlich nicht eingeschritten waren, wie es ihre Pflicht gewesen wäre, als der besoffene Pilz dem Vernehmen nach eine Dame ungebührlich anmachte. Offenbar haben sie in aller Ruhe zugeschaut und sich alles gemerkt für den Fall, dass man das nochmal politisch einsetzen kann. Pilz nahm daraufhin sein Parlamentsmandat vorerst nicht an. Eine Martha Bißmann rückte nach. Er wollte das alles erst rechtlich geklärt haben, bevor er weitermachte in der Politik. Ungewöhnlich, aber nachvollziehbar. Zumindest für mich. Je nach politischer Farbe fanden die Leute seinen Entschluss gut und demokratisch unbedenklich, immerhin sind wir ein Rechtsstaat oder mal wieder typisch dieser fürchterliche Pilz, der ja ständig irgendwelche Extratouren fährt und sich einbildet mit allem davonzukommen. Zu dieser Zeit bekam ich private Mitteilungen von einigen Frauen, die mir ausführlich schilderten, was alles der Herr Pilz in der Partei so getrieben habe. Ich wies immer mal wieder darauf hin, ob die Schreiberin ernsthaft diese Behauptungen aufzustellen gedenke, erfüllen sie doch immerhin den Tatbestand der üblen Nachrede und Kreditschädigung, was auch eine Nicht-Juristin leicht erkennen könne, aber nein, sie hätten diese Dinge von der Nichte der Hausbesorgerin oder so gehört und ihr Mann übrigens auch. Und sie würden es ja auch nicht öffentlich erzählen, sondern nur mir. Offenbar glaubten sie, damit sei es keine Verleumdung. Na bumm. Ich habe es nicht weitererzählt, weil ich dachte, es sei sinnvoll, diese Frauen vor sich selbst zu beschützen. Herr Pilz war ja bereits im Visier der Öffentlichkeit und der Feministinnen. Unter uns: Ich wäre dafür, dass Kinder in der Schule Jus/Jura und seine Grundlagen als Pflichtfach haben. Menschen brauchen eine Art gesundes Rechtsempfinden. Aber das nur nebenbei. Hier nun möchte ich den Blick der Leserschaft auf die Feministinnen lenken. Nun wird es interessant. Niemand weiß zwar so wirklich genau, wer und was eine Feministin ist oder gar die Feministinnen. Und natürlich ist es schon seit den Tagen der Frauenrevolte der Siebziger und Achtziger eine gern benutzte Waffe, die von Frauen angewendet wird, nämlich sich gegenseitig abzusprechen, eine Feministin, eine echte Frau oder was sonst noch in Frage kommt zu sein. Das war wahrscheinlich schon zu Medeas und Elektras Zeiten nicht anders. Besonders beeindruckend fand ich in diesen Zeiten übrigens, dass dem Herrn Pilz vor allem vorgeworfen wurde alt zu sein und eine weiße Hautfarbe zu haben. Dieser ausnahmslos von weißhäutigen Frauen unbestimmten Alters vorgebrachte Vorwurf, die sich selbst aber in den Dienst des Feminismus gestellt hatten,  erfüllt nun wiederum zwar den Tatbestand des Rassismus und ist diskriminierend, aber damit hatten die Damen offenbar keine Probleme. Die Zeit ging dahin. So manche/r hatte vielleicht schon vergessen, dass es den alten weißen Mann Pilz noch gab, da meldete er sich vor kurzem zurück. Die Vorwürfe, die nach der Wahl erhoben worden waren, wurden juristisch nicht weiterverfolgt. Die einen sagten, weil nichts Strafrechtliches zu verfolgen war, die anderen, aus Mangel an Beweisen. Wieder mal das übliche Geplänkel der ideologischen Lager. Die gesamte Öffentlichkeit ging davon aus, dass jene nachgerückte Frau Bißmann nun  dem Pilz sein Mandat wieder überlassen würde. Frau Bißmann jedoch dachte gar nicht daran. Ein interessanter Widerspruch, wenn auch nicht der einzige in Sachen Liste Pilz. Während sie in den Medien herumgereicht wurde, um darüber befragt zu werden, bot sie uns Wähler/innen das Bild einer jugendlichen Unbekümmertheit, die allerdings nicht so erfrischend war, wie sie vielleicht und möglicherweise selber glaubte. Sie wies ihrerseits noch einmal darauf hin, dass Herr Pilz alt und weiß sei. Und da seien noch so ein paar alte Säcke in der Partei. Sollten die doch in Pension gehen. Sie aber sei jung, und das sei Qualifikation genug, um nicht zu weichen. Ganz nebenbei dachte ich, der Pilz hat aber auch ein echt mieses Karma. Erst dieser Schnupperlehrepraktikant Julian Dings, gegen den er ausgetauscht werden sollte. Und nun Frau Bißmann. Gegen die rechtsrechte Regierung als schlagkräftige Opposition anzutreten traue sie sich auf jeden Fall zu, sagte sie im Fernsehen. Die Wellen gingen hoch. Oha, dachte ich. Ganz schön viel Selbstüberschätzung. Warum macht sie das? Das fragte ja nicht nur ich mich. Antworten haben wir von ihr keine bekommen. Ich tippe auf die Kohle. Achteinhalbtausend Euro, für fünf Jahre sicher. Das kann schon eine Verführung darstellen. Dass sie dabei war, damit die kleine Partei nicht nur lahmzulegen, sondern á la long auch zu zerlegen, war ihr wahrscheinlich entweder nicht bewusst oder wurscht. Ich tippe auf wurscht. Man weiß es nicht. Die Presse lachte über die Trotteln von der Liste Pilz. Da sah ja Frau Bißmann auch auf einmal trotz ihrer Jugend ziemlich alt aus. Einem Teil der österreichischen Feministinnen schien Martha Bißmann aber als selbsternannte Vollstreckerin der metoo-Bewegung gerade recht zu kommen. Es schien völlig klar zu sein: der Mann hatte Berufsverbot zu bekommen. Mindestens. Rechtsstaat? Braucht keiner. Die machen doch eh nix. Dann machte der Rechtsstaat tatsächlich nix. Da hatten diese Damen doch den Beweis! Pilz musste verhindert werden. Um jeden Preis. Auch die Grünen jubelten. Wenn sie schon nicht mehr mitspielen durften, sollte es der Pilz auch nicht, dieser Verräter. Rechte Regierung braucht Gegner? Vergiss es, Pilz verhindern ist wichtiger. Nun kommt Maria Stern ins Spiel und mit ihr wird ein neues Kapitel in Sachen Feminismus in Österreich aufgeschlagen. Nicht wirklich ein ruhmreiches, sagen wir es gleich. Sie hatte es in der Liste Pilz nicht ins Parlament geschafft und vertrat als Frauensprecherin der Partei die Fraueninteressen als parlamentarische Mitarbeiterin, aber nun winkte ihr ein Mandat. Peter Kolba, der interimistisch den Parteivorsitz innegehabt hatte, hatte entnervt alles hingeschmissen, auch sein Mandat und Maria Stern hätte nun nachrücken können. Das stand ihr zu. Ja, oder Pilz hätte nun freie Bahn, wenn sie das Mandat nicht annähme. Wir alle waren neugierig, wie sie sich entscheidet. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie eine zweite Martha Bißmann ist. Und tatsächlich: Sie nahm das Mandat nicht an. Pilz kann ins Parlament. Bämm. Ich jubelte auf facebook: Ich bin stolz auf Maria Stern. Und eine Leserin schrieb: Echt jetzt? Da war mir klar, der österreichische Feminismus dieses Jahrtausends hat noch einen sehr, sehr langen Weg vor sich. Das war nicht das einzige Zeichen, das mir bewies, wie sehr die frühere Frauenministerin Johanna Dohnal fehlt. Den Vogel schoß das Frauenvolksbegehren dabei ab. Das kann so ein Volksbegehren natürlich gar nicht. Wohl aber dessen Betreiberinnen. Sie attestierten gestern Maria Stern, die ursprünglich zu den Mitbegründerinnen des aktuellen Frauenvolksbegehrens gehörte, mit ihrem Entschluss, ihr Parlamentsmandat nicht anzunehmen und so den Weg für Pilz ins Parlament freizumachen, habe sie keineswegs feministisch gehandelt, wie Stern selbst formuliert hatte, sondern weiblich. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, vorausgesetzt, man hat die anfängliche Übelkeit überwunden, die einen bei einem so frauenfeindlichen Sager zweifellos überkommt. Weiblich im Gegensatz zu feministisch? Die trauen sich was. Kann es sein, dass diese Art Selbstzerstörung á la Martha Bißmann sich jetzt irgendwie breitmacht? Die betreiben das Frauenvolksbegehren und bezeichnen gleichzeitig ein in ihren Augen Männer bevorzugendes Verhalten als weiblich? Das finde ich unbeschreiblich. Außerdem: Die reduzieren feministisches Verhalten in Abwandlung von Trump auf „Frauen first?“. Die haben noch nie von souveränem weiblichen Verhalten gehört, das so etwas wie strategisches Handeln kennt, das Ziele kennt, welche den eigentlichen Erfolg erst vorbereiten? Leute ich sag euch eins: ich bezeichne mich in Zukunft in allererster Linie als weiblich. Unbeschreiblich weiblich. Und nennt mich bitte nie mehr Feministin. Mit solchen Leuten möchte ich nicht mehr in einer Gruppe genannt werden. Johanna, schau herunter!

3 Gedanken zu „Unbeschreiblich weiblich“

    1. ich glaube nicht, daß johanna dohnal, die ich auch sehr geschätzt habe und ihr format sehr sehr vermisse, diesen kindergarten (oder wie soll eine das sonst nennen, oder sind die alle erwachsen und dermaßen präpotent und dämlich, das will einfach nicht glauben, denn da wird mir angst und bange) – also ich glaube nicht, daß johanna dohnal das sehen möchte, ich nämlich lieber auch nicht. danke für den ausführlichen rückblick, es ist nicht zu fassen.

  1. Wow ! Da kann ich aus Frankreich blickend ja nur mit offenem Mund staunen ! Merci Angelika für diesen Einblick in österreichisch-feministisch-grüne Verhältnisse ! Da kann ich meinen weiblichen Qualitäten guten Gewissens Vorrang lassen!

Schreibe einen Kommentar