- - - 14. März 2020 - - -

Angst? Ich gratuliere!

Dieses Virus offenbart so manches. Man könnte glauben, alle seien vom wilden Watz gebissen. Erst hatten wir die Beschwichtiger und Sorglosen am Hals. Als klar war, da gibt es nichts zu verharmlosen und zu beschönigen, schwenkten sie um auf Besonnenheit. Also, vermeintliche Besonnenheit. Sie entdeckten die Warnung vor Panik.

Ja, du liebe Güte! Ich bin heilfroh, dass alle in Panik geraten! Ich finde es ausgezeichnet, dass alle anfangen, daheim Vorräte zu bunkern. Dass es nun gleich so ausartet liegt vielleicht daran, dass Menschen über Jahrzehnte nicht mehr darin geübt sind, ordentliche Vorratshaltung zu betreiben. Wir waren alle noch nicht in einer solchen Situation. Da ist es wahrlich verzeihlich, dass so viel gekauft wird, bis die armen Einzelhandels-Mitarbeiterinnen sich Blutblasen gelaufen haben. Nächste Woche wird das alles schon viel besser funktionieren. Und vielleicht haben bis dahin diejenigen unter uns, die sich in der Rolle der Besonnenen gefallen, auch begriffen, dass es ganz wunderbar, ja geradezu großartig ist, in einer solchen Situation Angst zu bekommen. Es bedeutet, dass jemand noch ganz gesund und adäquat auf eine angstmachende Situation reagiert. Wer da keine Angst bekommt, wird leichtsinnig und gefährdet sich und andere. Ja, wird man mir dann entgegnen, Vorsicht sei gut, aber Panik nicht. Wirklich? Haben wir schon wieder eine Situation, in der uns vorgeschrieben werden soll, was wir fühlen dürfen und was nicht?

Ja, dann entwickelt man eben Panik! Das hört auch wieder auf. Auch das ist immer noch besser als Angstlosigkeit. Nun meinen die meisten, die von Panik reden wohl eher Hysterie, also die neurotische Produktion von Ersatzgefühlen. Das ist nun wiederum weniger gut. Um solche Verhaltensweisen wieder herunterzufahren gibt es Fachleute. Will man hysterische Menschen beruhigen, so ist es ganz und gar nicht zielführend, ihnen zu sagen, sie sollen sich nicht aufregen.

Ich bitte daher alle, die jetzt Angst verspüren und sich fürchten, ihre Angst zu lieben. Ich jedenfalls gratuliere. So haben wir eine gute Chance als Gesellschaft einigermaßen gut aus der Sache wieder herauszukommen. Das Desaster in Italien ist das Ergebnis einer Nation, die zu lange keine Angst verspürt hatte.

3 Gedanken zu „Angst? Ich gratuliere!“

  1. ich gehöre leider zu den panikerinnen, das ist nicht gerade angenehm. seit ich weiß, daß ernsthaft am virus erkrankte menschen atemnot kriegen, hab ich das gefühl von anwachsender atemnot, ein altes angstsymptom ist wieder zurückgekehrt, seufz. na ja. aber die angst ist wichtig, da geb ich dir vollkommen recht, liebe angelika, ich war in den letzten wochen immer wieder überrascht über die sorglosigkeit so mancher, die weiterhin auf veranstaltungen etc. unterwegs waren, sich abgebusselt haben usw. . das ist nicht nur dumm, sondern gefährlich für andere. in diesem sinne: gesundheit auf allen ebenen!

    1. Liebe Christa, Angst ist wahrlich nicht angenehm. Davon kann ich Panikl ein Lied singen. Was hilft, ist mit anderen zu sprechen. Ich arbeite daran, immer wieder mal ein paar Texte auf Band zu sprechen und an euch zu schicken. Vielleicht hilft es, Stimme zu hören anstatt Buchstaben zu lesen, dass wir uns nicht so isoliert vorkommen, wie wir augenblicklich sein müssen. Ich denke jedenfalls an dich und wünsche dir und allen anderen Leserinnen, dass ihr diese nächste Zeit gut übersteht. Alles Liebe!

      1. liebe angelika, das tut gut. danke. diese sache berührt sehr tiefe ängste in mir, die bilder berühren und wecken die angst vor der eigenen verwundbarkeit und sterblichkeit, ohne puffer. ohne die gewohnten ausgleichmöglichkeiten in schwierigen zeiten, wie etwa sport. momentan fühl ich mich, als ob ich mit einer kobra im zimmer leben müßte, ich weiß nicht ob und wann sie zubeißt, wie lange das alles dauert etc. sowieso bin ich auch ein panikl, wie du dich nennst, seit jeher wenig tapferkeit in gefahrensituationen. solidaridät ist etwas wunderbares und das ist das beste und das schönste an der ganzen momentanen situation, sich gegenseitig zu helfen und zu ermutigen. auch dir alles liebe und bleiben wir gesund.

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