- - - 16. März 2020 - - -

Ausgangssperre

Langsam begreife ich, dass es nicht darum geht, die nächsten 14 Tage im Rückzug zu verbringen, um diese Zeit zu überstehen und dann neu durchzustarten, was bedeutet hätte, endlich den abgerissenen Zeitfaden wieder aufzunehmen, zusammenzuknoten und weiterzumachen. Nein, darum geht es nicht. Ich bin in dieses dramatische Ereignis auch erst hineingewachsen wie alle anderen auch. Und heute, mit der von der Regierung ausgesprochenen Ausgangssperre für ganz Österreich ist es nun endgültig in meinem Kopf, ja in meinem gesamten System angekommen. Unsere gesamte nahe Zukunft ist gerade komplett verschwunden. Unser aller Zukunft. Jenseits von „es wird alles gut“, jenseits von „es geht immer irgendwie weiter“.

So muss es gewesen sein im letzten Jahrhundert, als ein Krieg erklärt wurde. Auch da wird es bei den einzelnen Menschen gedauert haben, bis sie begriffen, dass gerade etwas für immer verloren gegangen ist und das Neue nichts Gutes bringt. Im Gegensatz zum damals begonnenen Weltkrieg mag der Angriff des Virus vielleicht harmlos erscheinen. Aber wenn wir uns da mal nicht täuschen.

Was von dem, worüber ich mein Leben lang schrieb, womit ich mich mein Leben lang beschäftigt habe, gilt heute noch? Heute, ein paar Tage von einem Inferno entfernt. Die Zuwachsrate der Corona-Fälle in Österreich beträgt 33 %. Die Erkrankungen steigen täglich um 33 %! In Deutschland um 55 %! In der Schweiz um 74 %! In Spanien um 290%!

Es ist mir nicht begreiflich, was für ein unfassbares Geplapper und Getue in Deutschland noch möglich ist, wie sehr jede/r Einzelne glaubt, über genügend Autorität zu verfügen, um entscheiden zu können, was er bzw. sie tun und in vielen Fällen nicht tun wird. Angesichts dieser Zahlen und dieser Gefahr! Wenn Österreich bei seiner Wachstumsrate von 33 % bleibt, dann haben wir in 16 Tagen 76000 Erkrankungen. Und bräuchten ungefähr 4000 Intensivbetten. Wir haben aber österreichweit nur ca. 2000, wovon ja auch viele durch andere Erkrankte besetzt sind. Wenn es gelänge, die Wachstumsrate auf 20 % zu senken, dann sind wir in 16 Tagen bei „nur“ rund 15000 Erkrankten und hätten Bedarf für rund 750 Intensivbetten.

Man kann sich also vorstellen, wie viel drängender die Lage in Deutschland oder der Schweiz ist.

Das Dramatische an der ganzen Situation ist, dass wir nicht wissen, von welchem Zeitraum wir sprechen. Es kann sein, dass es notwendig ist, bis zum Herbst so eingeschränkt zu leben. Vielleicht sogar so lang wie es eben braucht, einen Impfstoff entwickelt, produziert und anwendbar gemacht zu haben. Also bis weit ins nächste Jahr hinein. Bitte bedenkt, dass der Zustand, den wir um jeden Preis vermeiden müssen, nämlich das unkontrollierbare Hochschnellen der Erkrankungen einen Zeitraum bis Ende Mai umfasst. Soll heißen, im schlimmsten Fall (auf welchen Deutschland und die Schweiz im übrigen augenblicklich zumarschieren) bricht unser System bis Ende Mai zusammen. Im günstigsten Fall, wenn es gelingt diese gewisse Kurve abzuflachen ist ein Zeitraum umfasst bis….Tja. Dieser Zeitraum wird in keiner Berechnung erwähnt. Nirgends. Und das beunruhigt mich.

Nun will ich euch nicht auch noch beunruhigen. Oder vielleicht doch.

Aus meiner Sicht, was heißen soll, aus der hier beschriebenen Sicht in Österreich mit Ausgangssperre und einem komplett lahmgelegten öffentlichen und wirtschaftlichen Leben erscheint es mir geradezu bizarr, im Fernsehen mitzuverfolgen, wie in Deutschland mit einer solchen Bedrohung umgegangen wird. Wenn ich mit Freundinnen und meinen Brüdern telefoniere, um sie dazu zu bringen, in die Isolation zu gehen, bin ich baff, wie sehr alle Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen für übertrieben halten. Wenn ich dann insistiere, bekomme ich als Antwort (und zwar bei allen!) sie würden darüber nachdenken und sich mal bei Kollegen und Freunden erkundigen, wie die es machen. Das heißt übersetzt, dass sie Angst davor haben, sich mit diesen – wie sie glauben – übertriebenen Schutzmaßnahmen zu blamieren. Unfassbar.

Man fragt sich, ab welcher Erkrankungszahl würdet ihr anfangen, Schutzmaßnahmen ernstzunehmen? 10 000? 50 000? 100 000? Vergesst nicht, dass die Zahl der gemeldeten Fälle nicht die Zahl der Erkankten abbildet. Rechnet die gemeldeten Fälle mal 10. Dann wisst ihr, wie viele unerkannt und symptomlos herumlaufen, aber dennoch andere anstecken.

Liebe Leserinnen des Lesestoff-Abos, vor allem in Deutschland und der Schweiz, (auch einige Österreicherinnen können sich auch angesprochen fühlen), bitte nehmt es ernst, dass uns Ereignisse wie in Italien ganz konkret drohen. Meine Bitte: geht in Isolation, vor allem, wenn ihr zur Risikogruppe gehört und bedenkt, dass in China und in Italien auch junge, gesunde Leute daran gestorben sind, wie auch die ohne Symptome mit Langzeitschäden an der Lunge rechnen müssen. Und sprecht andere Menschen darauf an, die glauben, sich weiterhin leichtsinnig verhalten zu dürfen. Und denkt dran: Wenn wir heute beginnen, werden wir den Erfolg erst in ca. 21 Tagen sehen können. Also nicht aufgeben!

Bleibt gesund, handelt klug!

3 Gedanken zu „Ausgangssperre“

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