- - - 19. Februar 2020 - - -

Das Kassandra-Projekt – ein Perspektivwechsel

Stimmen erinnern

Höre sie flüstern, rufen, schreien.

Wer weiß schon noch wer Tyche, Ariadne, Penthesilea, Medea, Kassandra, Klystämnestra, Antigone und Elektra waren und welche Bedeutung sie für uns Frauen in Europa bis auf den heutigen Tag haben. Wer weiß noch von dieser Gerichtsverhandlung vor 3500 Jahren, als zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit der Mord an einer Mutter ungesühnt blieb. Oder Ariadnes Verrat. Oder Medeas Verrat. Oder vom Kampf der mutigen Amazone Penthesilea gegen Achill. Warum die Furien seither machtlos wüten. Wer weiß, wie es wirklich war? Und warum sollte das jemand heute noch wissen wollen?

Wenn wir verstehen wollen, warum unsere Welt so ist wie sie heute ist, müssen wir in der Zeit zurückgehen. Bis dorthin, wo alles begann. „Alles“ ist der Krieg als alltägliche Gewohnheit, die Unterwerfung der Frau, diese seltsame autoaggressive Handlung einer Spezies, die es bei keiner anderen Art gibt.

Was wir dafür benötigen, ist ein Perspektivwechsel, wenn wir die alten Mythen lesen lernen. Das ist ein Abenteuer eigener Art schrieb Christa Wolf damals vor zwanzig Jahren, als sie die Geschichten von Kassandra und Medea neu erzählte.

Warum eine Reise in die Vergangenheit? Das hat doch mit uns nichts mehr zu tun?

Eine Gesellschaft, die nicht weiß, wo sie herkommt, weiß nicht, wohin sie geht. Ohne Ausgangspunkt kein Ziel.  Was wir dabei in der Schule über die alten Mythen lernten, sind alte Propagandaberichte der Eroberer. Noch heute ist von einem König Minos die Rede, wenn von der alten kretischen Kultur erzählt wird. Nur, dass der erstens etwa 1200 Jahre alt geworden sein muss, wenn wir der Propaganda glauben und außerdem findet sich nirgendwo auf Kreta auch nur der kleinste Fund, der auf einen König in jener Zeit hinweisen würde, wohl aber gibt es Anlass anzunehmen, dass neun Priesterinnen die Geschicke der Insel lenkten.  Wollen wir Frauen also wissen, wohin wir wollen, müssen wir die alten Zeiten einem Perspektivwechsel unterziehen; müssen schauen, was für Geschichten entstehen, wenn sie aus Frauensicht erzählt werden. Wir müssen wissen, wie es dazu kommen konnte, dass wir heute nach Jahrtausenden endlich wieder frei sind, aber nichts mit unserer Freiheit anzufangen wissen. Auch haben wir die Pflicht, unseren Töchtern und Söhnen und unseren Enkelkindern davon zu erzählen, wer wir waren und wie wir wurden, wer wir sind. Wenn wir es nicht bewahren, tut es keiner.

Das Kassandra-Projekt

Kann es sein, dass sie uns etwas zu sagen haben? Sollten wir endlich Kassandra zuhören? Und Medea rehabilitieren? Und Elektra zur Verantwortung ziehen? Ich will die Arbeit Christa Wolfs aufgreifen und fortführen. Nennen wir es Arbeit an unserem geistigen und seelischen Fundament.

Wer waren diese Frauen?

Märchenfiguren aus erdachten Dramen, die sich einsame Dichter ausgedacht haben? Unwahrscheinlich. Menschen geben seit mehr als Menschengedenken weiter, was Menschen erlebt haben. Dass man damit ziemlich richtigliegt, hat allein schon Heinrich Schliemann bewiesen, der sich genau an die Beschreibungen in den alten Mythen hielt und sowohl Mykene wie auch Troja fand. (und nicht nur er) Wir haben überdies ziemlich gute Berichte über eine Zeit, die schon im Hellenismus tausend Jahre vorüber war, in der ganz offensichtlich das Leben dieser großen Frauen angesiedelt war und das in die Geschichtsschreibung als das „dunkle Jahrhundert v.Z.“ einging. Eine Zeit großer Naturkatastrophen und kriegerischer Invasionen von Völkern, die aus dem Norden kamen und heute bei den Archäologen Luwier genannt werden.

 Warum die weibliche Sicht eine andere Wirklichkeit erschafft und weshalb die Entmachtung der Männer mein Ziel ist. Mögen sie uns Freund, Bruder, Geliebter und Gefährte sein. Unsere Söhne sind sie ja allemal. Jedoch niemals mehr unsere Herren. Die Welt in ihren Händen führt zu Krieg und Zerstörung. Für solche Gedanken wurde ich, seit ich denken kann, als radikal bezeichnet und mal bewundert, mal gemieden, auch bekämpft, lächerlich gemacht und ignoriert. Man lernt, damit zu leben. Wichtigster Teil meines Werkes jedoch war immer die Frage, was denn unserer, der Frauen Anteil an diesem männlich-hierarchischen Realitätsprinzip ist? Denn das ist für mich entscheidend. Das Kassandra-Projekt befasst sich genau mit dieser Frage. Was hast du getan, Mutter, Schwester, Tochter, Freundin, Geliebte, Gefährtin, dass es so kommen musste? So lautet die Frage an Ariadne, an Medea, an Kassandra, an Klytämnestra und Elektra. Dreieinhalbtausend Jahre später fragen wir das. Weil wir vielleicht mit der Rückkehr an diese Knotenpunkte der alten Angst erkennen können, was wir heute tun müssen.

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