- - - 27. Oktober 2020 - - -

Der Weg

Was ist nicht schon alles über den Weg geschrieben worden. Dass er das Ziel ist; dass er nicht leicht sein wird; dass er lang und gewunden ist; dass er nicht zum Glück führt, sondern selbst das Glück ist; dass er beim Gehen entsteht; dass er mit dem ersten Schritt beginnt; dass er immer nach Rom führt. Und immer möchte man ausrufen: Echt? Hätte ich jetzt nicht gedacht. Nein, darauf wäre ich jetzt ohne Hilfe nicht gekommen. Und dabei gibt es ihn gar nicht. Nicht den Weg. Nicht die Wege. Nicht alle Wege. Nix.

Leute, solange wir auf Erden – fast hätte ich jetzt geschrieben wandeln – existieren, haben wir keine Wege zurückzulegen. Wir kleben allesamt auf einem riesigen, unglaublich riesigen Magneten namens Erde fest und kommen nicht weg von hier. Also auch kein Lebensweg. Wir rutschen ab und zu von hier nach da. Haben sogar solche albernen Flügelzigarren erfunden, die es schaffen, sich soweit leicht zu erheben, dass man manche Rutscherei schneller hinter sich bringt und meint, da wäre die Freiheit wohl grenzenlos (verdammter Reinhard Mey mit diesem blöden Song). Aber es ist nur ein etwas weniger klebriges Festkleben. Eines Tages sind wir da und hängen fest. Und das geht dann weiter die nächsten – sagen wir mal 84 Jahre lang. Das kann sich hinziehen. Ich habe heute gerade gelesen: Nimm dein Leben nicht so ernst, du überlebst es sowieso nicht. Das kommt ja noch hinzu. Dass keiner hier lebend rauskommt.

Der Weg als Bild des Lebens ist Humbug. Mir kommt es eher so vor, als würde das Licht, das auf dieses Szenario namens Erde fällt, mit jedem Jahr meiner Existenz ein klein wenig heller heraufgedimmt, während ich hier festhänge. Mittlerweile bin ich so alt, dass ich nun doch schon richtig was erkennen kann. Das Bild rundet sich ab. Manches gefällt mir sehr. Vieles ist der totale Holler. Das meiste ist mega-öd. Aber man kann es sich richten. Das ist ein Privileg. Dieses Privileg bekommt man geschenkt, wenn man bereit ist, die Angst herzugeben. Die Angst vor Fehlern, die Angst nicht geliebt zu werden, die Angst zu versagen, die Angst vor Krankheit und die Angst zu sterben. Weg damit. Ist man die Angst erst einmal los, beginnt der Spaß auf allen Wegen. Nein, natürlich nicht auf allen Wegen. Gibt ja keine. In allen Situationen.

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