- - - 24. Dezember 2021 - - -

Die Welt da draußen

Wir leben in unterschiedlichen Universen und zwar zur selben Zeit, das war ja schon öfter mal ein Thema. Im Winter, besonders in der Weihnachtszeit, die nicht wirklich zu meinen Lieblingsjahreszeiten gehört, gibt es die Wahrnehmung von der Welt drinnen und der da draußen besonders deutlich. Ob die Welt drinnen nun besonders kuschelig und warm ist, soll da jetzt nicht von Bedeutung sein. Ich will eher darauf hinaus, dass sie übersichtlich ist. Meine Jahre auf dem Schlangenberg waren davon geprägt, dass auch die kleine Welt namens Zuhause alles andere als übersichtlich ist. Von heruntergefallenen Dachziegeln über verletzte Katzen und bewaffnete grün kostümierte Männer bis hin zu eingefrorenen Wasserleitungen und verhaltensoriginellen Schweinen war ständig was. Das lenkte gewaltig davon ab, wahrzunehmen, was mit der Welt da draußen eigentlich los ist. Jetzt ist meine Innenwelt recht übersichtlich, da bleiben genügend Energien, um nach draußen zu schauen.

Die Welt da draußen hat sich sehr verändert. Verkrampfter, angespannter, unpersönlicher, unfreundlicher und vor allem bedrückter. Das wohl alles als Folge der strukturellen Zusammenbrüche unserer Gesellschaft. Unvorstellbar viel Sinnloses, das nur existiert, weil es eine unvorstellbare kollektive Ziellosigkeit gibt. Keiner weiß, wie es weitergeht und wohin. Das ist die herausragende Wahrnehmung. Die wenigen, die ein Ziel haben, schaffen es nicht, dass eine nennenswerte Bewegung daraus wird. Wir haben einen gewaltigen Apparat aufgebaut, um zurechtzukommen. Erst jüngst ging es hier bei uns um einen kleinen Buben, der fürchterlich in seiner Klasse gemobbt wird. Wir haben LehrerInnen, BeratungslehrerInnen, SonderpädagogInnen, Schuldirektoren, Betreuerinnen, TherapeutInnen, SchulpsychologInnen. Und alle richten den Blick auf diesen Buben, sobald er in seiner Ausweglosigkeit anfängt, sich zu wehren. Er wird als Schulstörer, Täter identifiziert, dem niemand glaubt, was ihm geschieht. Warum nicht? Sind sie blind? Vom Herzen aufwärts tot? Ich meine ja. Das ist das Problem. Sie wissen nichts mehr davon, dass ihre Aufgabe darin besteht, einem Kind, Kindern, den Kindern die Welt zu öffnen. Ihnen vorzuleben. Die Kinder zu halten, ihnen Grenzen zu setzen und ihnen Liebe zu geben. Sie konzentrieren sich darauf, ihren Job gut zu machen. Ich hoffe, ihr merkt, was das für ein Riesenunterschied ist. Wir haben einen gewaltigen Apparat aufgebaut, der aus lauter Menschen besteht, die ihren Job machen wollen. Für ihren Lebensunterhalt. Um selbst zurechtzukommen. Um sich selbst gut zu finden. Viele von ihnen wissen, dass das nicht genug ist. Aber sie wissen nicht, wie sie es besser, geschweige denn richtig machen können. Das kann man wohl erst, wenn man weiß, warum man etwas tut. Da sind wir wieder beim Sinn angelangt, den unser Tun haben muss. Bei der Bestimmung, einer übergeordneten Aufgabe. Das braucht unser eigenes persönliches Leben, das braucht aber auch eine Gesellschaft. Die politischen Parteien in unserem Land derbröseln deshalb, weil sie schon lange keines mehr haben. (Nein, auch die Grünen nicht!) Darum haben sie ihre Nachwuchsprobleme zutiefst verdient. Denn was ist ihre Botschaft mittlerweile? Persönliche Bereicherung, Bedienung der eigenen Eitelkeit und Sicherung des persönlichen Jobs.

In Bezug auf den Buben konnten wir eine Lösung finden, die allen Beteiligten das Gefühl gab, ihren Job gut gemacht zu haben, und die trotzdem dem kleinen Mann vielleicht das Leben gerettet hat. Ihnen allen vor Augen zu führen, wie sehr sie daran beteiligt sind, dass manche Menschen in solche Ausweglosigkeiten geraten, hätte all ihren Widerstand hervorgebracht und dem Kleinen weiterhin geschadet. Was wir dem Buben schenken konnten, war die Erfahrung, dass zwei Erwachsene sein Leid erkannt haben, ihm damit bestätigten, dass er sich in einer Welt der Wahnsinnigen befand und nicht selbst der Wahnsinnige war, als die ihn alle hingestellt haben und sofort tätig wurden.

Nach 20 Jahren am Schlangenberg und zehn Jahren an einem Kurort, an den Menschen strafversetzt werden (um nur mal deutlich zu machen, wie der Ort in der Welt wahrgenommen wird), bleibe ich nach wie vor der Sand im Getriebe des Patriarchats. Plus die böse Hexe, die allen Querdenker/innen und anderen Pseudos nachts im Traum erscheint.

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