- - - 20. Dezember 2020 - - -

Ganz dünnes Eis

Ich wusste die meiste Zeit meines Lebens nicht, was alten Menschen angetan wird. Also allen Menschen angetan wird, sobald sie eine Altersgrenze überschritten haben.  Von wem angetan? Von denen, die diese Grenze noch nicht überschritten haben, den Jüngeren, die sich offenbar nicht vorstellen können, dass sie eines Tages auch die Alten sind.

Seit ich selbst alt bin, weiß ich wie es sich anfühlt, seit ich selbst alt bin, steigt mein Zorn.

Ich spreche von Altersdiskriminierung.

Die gibt es in zweierlei Form. Einmal die übliche Methode  – lächerlich machen, übersehen, direkt beleidigen, wegsperren in Alters- und Pflegeheimen, Benachteiligungen bei Kreditvergaben, mit ihnen laut und merkwürdig reden als wären Alte schwerhörige Idioten und auch sonst nicht ernst genommen werden.

Und dann gibt es haargenau dasselbe, nur in positiver Form.

Heutiger Anlass für diesen Text ist ein Leitartikel im Spiegel. Es geht logischerweise um Corona, es ist nun einmal das uns alle beherrschende Thema in diesen Monaten. Und wo es um Corona geht, geht es auch um die Alten, denn die schweren Verläufe und die Todesfälle stehen vor allem mit alten Menschen, von denen viele chronisch krank sind, in Verbindung. Dies ist von medizinischem und sozialem Interesse. Eigentlich nur medizinisch relevant, wenn wir nicht eine Gesellschaft wären, die ihre Angehörigen von der Kinderkrippe an bis hin zum Pflegeheim in Generationsgruppen einteilt und auf diese Weise vom Zentrum des Lebens fernhält. Darum und nur darum spielt es auch sozial eine Rolle, obwohl es eben gerade keine Rolle spielt.

In besagtem Leitartikel nun wurde der Autor von einer salbungsvollen Stimmung erfasst und schrieb eine Hommage an „unsere Alten“. Hier eine Kostprobe:  „Shutdowns, Milliardenhilfen für leidende Unternehmen, das öde Homeoffice und das Klubsterben, das geschlossene Theater und das abgesagte Konzert. All das ertragen wir, damit die Alten und Pflegebedürftigen nicht an Corona sterben müssen.“

Ach, wie großzügig.

Mir kommen die Tränen. Aber nicht vor Rührung.

Ich möchte hier aus Gründen ausdrücklich festhalten: Alle Bürger/innen – in diesem Falle Deutschlands, Österreichs und der Schweiz – haben verfassungsmäßig festgelegt die gleichen Rechte. Dazu gehört auch das Recht auf Unversehrtheit des Lebens. Auch das Recht, dass der Staat, soweit es in seinen Möglichkeiten liegt, das Leben seiner Bürger schützt. Es ist nirgendwo die Rede davon, dass dieses Recht nur einem Teil der Bevölkerung zugutekommt, während andere davon ausgeschlossen und deshalb auf Wohltätigkeit und Gutwilligkeit angewiesen sind. Nirgendwo kann ich entdecken, dass bürgerliche Rechte an ein Alter gebunden sind. Auch eine 94jährige demente Frau, die pflegebedürftig ist, hat das Recht auf Leben! Da muss niemand daherstolziert kommen und sich selbstgerecht Klasse finden, weil er es erträgt, im Home-Office zu arbeiten. Er muss sich sogar gefallen lassen, gerade für seine huldvolle Herablassung als Rassist und Egoist bezeichnet zu werden.

Niemand hat das Recht, Mitbürger/innen das Recht auf Leben abzusprechen, nur weil sie alt und/oder krank sind. Niemand hat das Recht, gemeinschaftliche Regeln zur allgemeinen Rettung eines gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Lebens als mildtätige erteilte Gunst auszugeben, weil alte Menschen mehr betroffen sind als jüngere.

Um das Leben der an Covid 19 erkrankten Menschen wird nicht im Auftrag der Gnade von Herrn und Frau Wichtig gekämpft. Sondern weil alte Menschen ein Recht darauf haben. Genau wie alle anderen Bürger/innen dieses Landes auch. Genau wie zu jedem anderen Zeitpunkt ihres Lebens.

Diskussionen darüber, ob alte Covid-Tote sowieso nur noch kurze Zeit zu leben gehabt hätten, sind obszön und mehr als ungehörig. Sie sind übergriffig und greifen die Rechte der älteren Mitbürger/innen an. Wenn es nach mir ginge, gehörten sie unter Strafe gestellt. Aus gutem Grund. Gerade in Deutschland. Gerade in Österreich.

Anderen Menschen aus welchen Gründen auch immer das Recht auf Leben abzusprechen  oder zu meinen, es hinge von eurem Wohlwollen ab ist ein sehr gefährlicher Weg. Ihnen den Kampf um ihre Gesundheit huldvoll als milde Gabe zu gewähren nicht minder. Ihr seid ganz schnell wieder bei dem perfiden Spiel mit „unwertem“ Leben angekommen. Hütet euch davor.

5 Gedanken zu „Ganz dünnes Eis“

  1. Ich weiß es mein Leben lang. Und es ist mein Weg, dass mein Frau sein im Alter wieder das ist in anderem Gewand. Darum braucht es die Verbundenheit und das Handeln mit Frauen. Miteinander, fur einander. Im Bewusstsein, dass wir einander brauchen unter den Bedingungen einer Welt, die das Leben nicht wertschätzt. Und die alte Frau nicht und das Mädchen nicht. Es liegt in uns, uns Frauen, diesem verschwinden und töten unsere Kraft entgegen zu setzen. …

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