- - - 12. Dezember 2020 - - -

Ist es wirklich so ein Drama?

Gut, ich bin nun wirklich nicht die Zielgruppe für Weihnachten. Weder für Weihnachtsmärkte noch für Glühweinextasen, auch nicht für Besinnlichkeit, Festlichkeit, Weihnachtsdeko, geschweige denn für Geschenke. Ich bin die, die ab Mitte Dezember sehnlichst darauf wartet, wann wir das ganze Gedöns endlich durchgestanden haben. Was mich an dieser Zeit vor allem interessiert, ist, wann man endlich wahrnimmt, dass das Licht zurückkehrt. Soll heißen, ich kann bestens auch mit dem härtesten Lockdown für die Feiertage leben.

Aber ich will meine Weihnachtsallergie nicht auf die übertragen, denen es Freude macht und die darin etwas Wichtiges für ihr Leben erkennen.

Nun ist es ja aber so, dass heuer alles anders ist. Das Virus spielt Leuten wie mir in die Karten, könnte man sagen. Ruhe und Frieden allüberall.

Leider nicht.

Ist es wirklich so ein Drama, wenn Weihnachten diesmal nur im Kleinformat stattfindet und Silvester ausfällt?

Die alten Leute sterben wie die Fliegen. Auch junge Leute sterben. Die Intensivstationen sind voll. Medizinisches Personal geht am Zahnfleisch.

Nun zeigt sich wieder, dass die Schönwettermenschen unter uns über gar keine Frustrationstoleranz verfügen. Potzblitz, sie müssen unbedingt dieses Fest mit und bei der Omi feiern, auch wenn die Omi höchstwahrscheinlich deshalb ab März auf dem Friedhof liegt. Und so manche hochbetagte Omi verkündet allen, dass sie lieber im März tot ist als jetzt einsam. Was wiederum die jüngeren Schönwettermenschen als Legitimation nehmen, um in persönlicher Freiheit Glühwein trinkend Party zu machen. Auf die Idee, dass die Omi nicht mehr wirklich in der Lage ist, Tragweiten zu erkennen, kommen sie nicht.

Dass teuer ausgebildete Pfleger/innen und Ärzt/innen gerade für diese im Geiste kindlich gebliebenen Mitbürger/innen ihr Leben riskieren und sich in die Erschöpfung arbeiten, ist allen offenbar wurscht. Oder selbstverständlich. Hätten sie was Anständiges gelernt, müssen sie jetzt nicht schlecht bezahlt an komatösen Omis herumfummeln, oder?

Also hoch die Tassen. Diese lächerlichen Lockdown-Regeln müssen sich doch umgehen lassen. Ist alles eine Frage des Einfallsreichtums. Wie Sechsjährige, denen die Mama verboten hat, vor dem Essen Süßes zu naschen, und die schauen, wie sie doch noch an die Schokolade herankommen.

Wenn es einen Beweis für die kollektive Infantilität unserer Gesellschaft gibt, dann diese Pandemie.

Eigentlich kann man niemandem einen Vorwurf machen. Wir leben alle, ausnahmslos alle nach diesem Prinzip, das besagt, dass man nur gerade mal so eben Vorschriften und Regeln einhalten muss und ansonsten ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedacht ist.

Ich wundere mich also nicht.

Es wäre sogar echt lustig, wenn nicht täglich Menschen durch diese Dekadenz sterben würden.

Ebenso bedauerlich finde ich, dass nicht einmal eine globale Pandemie es schafft, dass wir uns als anständige Kinder dieser Erde erweisen und dem Universum alle Ehre machen.

Wir haben gerade Gelegenheit, ausgesprochen kostbare Erfahrungen zu sammeln. Winzer/innen wissen, dass nicht der Wein besonders gut wird, dessen Trauben in durchgehend schönem Sonnenwetter gereift sind, sondern der, dessen Trauben auch Wind und Wetter trotzen mussten.

Um auch eine Biertrinkermetapher zu bemühen: Ich fürchte, bei uns ist Hopfen und Malz verloren.

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