- - - 5. März 2019 - - -

Blind durch Privilegien – Geschichten aus der Androkratie

Diese Art der sozialen Blindheit wird gern mit einem Ausspruch der Königin Marie Antoinette charakterisiert, den sie im übrigen nie gemacht hat. Ihr wisst schon, die Sache mit dem Kuchen, den sie Leuten zu essen empfiehlt, die eine Revolution anzetteln, weil sie kein Brot mehr zu essen haben. Und diese soziale Blindheit schreiben wir außer Marie Antoinette, welche wie gesagt Opfer eines Rufmordes wurde, allgemein Männern zu, die neuerdings unter dem Begriff „alter weißer Mann“ gesammelt werden. Als ob alte schwarze Männer oder junge weiße Männer oder junge schwarze Männer nicht genauso erstens privilegiert sind und zweitens deshalb glauben, sich einer toxischen Männlichkeit befleißigen zu dürfen, die ihnen derzeit mehr um die Ohren fliegt als zu allen anderen Zeiten der letzten 5000 Jahre, aber noch immer ihre Macht sichert. Jeder dieser nicht alten, nicht weißen Männer würde innerhalb kürzester Zeit genauso wie der so oft erwähnte alte weiße Mann handeln, wenn er an seinen Platz könnte. Dass er es nicht kann, dass man ihn nicht lässt, ist Teil des patriarchalen Systems, das ich gern Androkratie nenne, weil das viel deutlicher macht, worum es geht im Patriarchat. Das sollten auch die Frauen nicht vergessen, die daheim einen Mann haben, der gemütlich wie ein kastrierter Kater ist.

Aber das ist noch nicht alles. Nicht nur Männer handeln so. In der Androkratie gibt es auch privilegierte Frauen, siehe Marie Antoinette. Von der Kollaborateurin, einer Erscheinung als Hausfrau und Mutti bis zur Mittäterin als Akademikerin und Aufsichtsrätin können auch Frauen in der hierarchischen Pyramide einen der höheren Plätze einnehmen und von dort aus aufhören, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Von dieser Sorte habe ich in den letzten Tagen einige zu Gesicht bekommen. Zwar nur in den sozialen Medien, was für meinen Geschmack auch völlig ausreicht, weil mir mein Blutdruck nicht in die Höhe schnellen soll. Die eine fühlt sich so gar nicht unterdrückt, weshalb sie das Wort Feminismus nicht mehr hören kann und die andere hat bestens drei Kinder und den Beruf unter einen Hut gebracht und hält alle Frauen, die damit Probleme haben, für bequem und faul. Ja, soziale Blindheit ist Ergebnis eines Systems und nicht Ergebnis eines Geschlechtes.

Auch ich habe dafür gesorgt, dass Alleinerziehende und Armut in meinem Leben nicht zusammengehören. Ich habe gearbeitet wie ein Muli, ich habe für mein Fortkommen gesorgt, ich habe dabei Gesundheit und manchmal auch mein Leben riskiert. Erfolgreich. Ich habe es geschafft. Kinder UND Karriere. Darauf bin ich stolz. Aber nur privat und das auch nur selten, denn ich weiß ja, wie sehr ich draufgezahlt habe, wie oft ich übergangen, missachtet, verarscht wurde. Dieses System schenkt dir nichts.  Es wäre ungeheuerlich, würde ich aus meinem Lebensweg einen Anspruch an andere Frauen ableiten. Denn trotz allem war ich ein Glückskind. Und ein Einzelfall. So wie ein langjährig glückliches Ehepaar kein Beweis dafür ist, dass das Prinzip der Ehe funktioniert, sondern nur zeigt, dass das System Überlebende kennt, ist eine einzelne erfolgreiche Frau kein Beweis dafür, dass die Androkratie Frauen im Jahre 2019 alle Möglichkeiten und Freiheiten bietet, ein finanziell, geistig und seelisch erfolgreiches Leben zu führen. Auch eine erfolgreiche und freie Frau in unseren Zeiten beweist nur, dass das System heutzutage ein paar mehr Überlebende zulässt als noch vor hundert Jahren. Dennoch ist es meine Lebensaufgabe, Frauen die ganze Entfaltung ihres Potenzials zu ermöglichen. Je mehr solcher Einzelfälle, umso besser, denn wir wollen dieses System ja zum Kippen bringen. Manche brauchen Hilfe und Unterstützung, andere Ermutigung, wieder andere nur eine Gelegenheit und Chance und einige durchaus auch einen gezielten Tritt in den Hintern zum richtigen Zeitpunkt. Nur eines gibt es nicht. Von einem höheren Platz der Hierarchie-Pyramide auf die darunter herabzublicken und sie für blöd zu erklären.