- - - 24. Dezember 2018 - - -

Wachsein als Aufgabe

 

Zum heutigen Datum werden wir mit guten Wünschen und liebevollen Hoffnungen berieselt. Das ist schön und soll auch sein. Aber das Ende dieses Jahres erzählt auch davon, dass dieses vergangene Jahr für sehr, sehr viele eine strenge Lehrmeisterin war. Nicht in jedem Jahr hört man von so vielen Menschen, dass es ein schweres Jahr war wie heuer. Und wenn es nicht schwer war, so türmen sich doch jetzt, zum Ende hin, Probleme, die wir lieber nicht hätten, auch wenn wir wissen, dass wir an ihnen reifen und wachsen.
Üblicherweise veröffentliche ich an diesem Tag seit dem Jahr 2005 die immergleiche Weihnachtsgeschichte, die ich mir damals ausgedacht hatte . Heuer will ich darauf verzichten. Sie ist witzig und etwas zum Träumen. Aber es ist nicht die Zeit, in der wir sicher sein können, dass Lachen und Gemütlichkeit, vor allem Lachen und Gemütlichkeit auf gutem Fundament ruhen. Und darum will ich stattdessen ein Gedicht von William Stafford zitieren. Es bildete in meinen Jahren am Stadttheater Fürth die letzten Worte des letzten aufgeführten Magischen Salons. Ich ahnte damals noch nicht, dass es mein Abschied sein würde, obwohl ich es hätte wissen können. Scheint, als wäre ich selbst damals weitaus weniger wach gewesen als es notwendig gewesen wäre. Heute geht es darum, diese vergangene Zeit und diese große Liebe aus meinem Herzen freizugeben und heute geht es auch darum, diesem merkwürdigen Zusammenbrauen von dunklen und zerstörerischen Kräften, die sich da in Dummheit und Dreistigkeit in unserer Welt zeigen, Wachheit entgegen zu setzen. Wachheit ist unsere Aufgabe. Darum also diese Zeilen von William Stafford:

Weißt du nicht, was ich für ein Mensch bin,

und weiß ich nicht, was du für ein Mensch bist,

beherrschen uns Muster aus fremder Hand

und, dem falschen Gott heimwärts folgend,

verfehlen wir unseren Stern.

 

Denn viel Verrat im Kleinen kennt der Geist,

ein Achselzucken, das die schwache Kette zerbricht,

und die schrecklichen Fehler der Kindheit stürmen

unter Geschrei durch den gebrochenen Damm.

 

Wie Elefanten, die beim Schwanz sich halten -,

geht einer fehl, findet der ganze Zirkus nicht in den Park.

Ich nenne es grausam, vielleicht die Wurzel aller Grausamkeit,

zu wissen, was geschieht, ohne es anerkennen zu wollen.

 

So rufe ich zu einer Stimme, etwas Schattenhaftem,

ferne Region in allem, was spricht:

zwar könnten wir einander täuschen, doch Vorsicht,

sonst endet die Parade unseres Lebens im Dunkeln.

 

Es ist wichtig, dass wache Menschen weiterhin wach bleiben,

und sich nicht entmutigt gehenlassen, weil Fronten brechen;

die Signale, die wir geben – ja oder nein oder vielleicht –

sollten klar sein: Die Dunkelheit um uns ist tief.

 

William Stafford

Das Licht wird wiederkommen. Das soll kein Trost sein. Wie ich schon sagte, die Zeiten ändern dich. Aber es geht weiter. Es wird immer weitergehen.

3 Gedanken zu „Wachsein als Aufgabe“

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