- - - 11. November 2018 - - -

Wir müssen unsere Texte beschützen!

 

Vor mehr als 30 Jahren war es mein größter Wunsch, dass meine Texte veröffentlicht und ich gehört werde. Dieser Wunsch wurde mir mehr als erfüllt. Einige meiner Bücher wurden Bestseller. Ich reiste durchs Land, gab Lesungen, hielt Vorträge, veranstaltete Seminare. Es war mir von größter Bedeutung, dass möglichst viele Frauen lasen, was ich zur Situation von uns Frauen zu sagen hatte. Dass es funktionierte, dass ich dieses Geschenk erhielt, erfüllt mich mit größter Dankbarkeit. Ich wurde gehört und ich habe auf das Leben von sehr vielen Menschen Einfluss genommen.

Heute gehe ich ganz anders mit meinen Texten um. Ich behüte und beschütze sie. Ich achte darauf, dass nicht Hinz und Kunz, Krethi und Plethi sie lesen und sie sich auf diese Weise aneignen können. Es fällt mir leicht, weil ich diesen Drang nach Sichtbarkeit nicht mehr haben muss. Was aber noch viel wichtiger ist, ist, dass wir einer Zeit leben, in der das Denken, das Lesen und das Zuhören gerade kollektiv in Windeseile verlernt und durch reflexartiges Hinausplärren von irgendwelchen Überzeugungen ersetzt wird. Das tut der Kunst des Schreibens und Reflektierens nicht gut. Denn diese Kakophonie führt zu gar nichts. Texte brauchen Ruhe. Texte müssen reifen. Und wenn sie gut sind, so werden die Leserinnen und Leser sie immer wieder zur Hand nehmen wollen, um sich zu eigenem Denken anregen zu lassen. Es gibt überdies einen wichtigen Aspekt in der Entwicklung unserer digitalen Kommunikation, den die meisten Menschen zu übersehen scheinen. Texte die in den sozialen Medien erscheinen -und welcher Text tut es nicht? – sind preisgegebene Texte. Sie werden nicht nur durch gedankenlose Dauerkommentare beschädigt, sondern auch der Kontrolle von Leuten ausgesetzt, die nicht nur ich nicht zu kennen wünsche. Man muss nur nach China schauen, um zu wissen, was uns in nicht allzu ferner Zukunft bevorsteht: die komplette Kontrolle über den öffentlichen Raum und jeden einzelnen Menschen, der sich darin bewegt. All dies bringt mich dazu, meine Texte zu beschützen und in einem geschützten Raum zu veröffentlichen. Deshalb gibt es das Lesestoff-Abo.

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