- - - 3. März 2020 - - -

Zu Diensten, Herr Erdogan!

Die Strategie ist durchschaubar, vorausgesetzt, jemand ist bereit, für einen kleinen Moment auf einen gewissen Abstand zu gehen und sich anzuschauen, was passiert.

Der türkische Despot – ich würde seine Strategie genial nennen, wenn ich ihn nicht so sehr verabscheuen würde – hat gewisse Ziele. Er will einen Teil Syriens annektieren; er will die Kurden vernichten; er will Europa für viele Demütigungen der vergangenen Jahrzehnte bestrafen. Und vielleicht träumt er heimlich auch von einem neuen osmanischen Reich. Die Frage ist ja, wie er das realisieren kann. Ein faschistoides, wenn nicht gar bereits faschistisches Regime in der Türkei hat er etabliert. In Syrien ist er schon einmarschiert und führt vor den Augen der Öffentlichkeit Krieg, womit er die Vernichtung der Kurden bereits eingeläutet hat. Der nächste Schritt wäre die Rache am schlimmsten Feind, den ein Faschist haben kann, nämlich der, der ihn gedemütigt hat. Europa!

Wie zwingt man Europa in die Knie? Man flutet es mit Flüchtlingen. Passenderweise hat er dreieinhalb Millionen von ihnen seit Jahren im Land. Die haben sich dort einigermaßen eingerichtet, aber klar, sie träumen von einem besseren Leben und das vermuten sie, auch klar, in Europa. Vor nichts haben die Europäer augenblicklich mehr Angst als vor Flüchtlingen. Gut, da ist noch dieses Virus, aber sonst sind Flüchtlinge die Vorreiter der europäischen Apokalypse.

Dummerweise hat sich Europa aber ziemlich gut abgeschottet. Sogar die Griechen machen da jetzt mit. Eine konservative und fremdenfeindliche Regierung. Blöd gelaufen? Weit gefehlt.

Schaut genau hin, denn von Erdogan lernen heißt Leute instrumentalisieren lernen.

Und das geht so. Erst erscheinen auf einmal immer wieder erschütternde Berichte aus den Flüchtlingslagern in und um Idlip in den sozialen Medien. Sobald diese Berichte ein paarmal die Runde gemacht haben, springt die professionelle Presse drauf vor lauter Angst, sie würden was verpassen (ich kenne die Brüder, habe selbst lange genug in der Branche gearbeitet). So, nun hat der türkische Despot die Berichte da, wo er sie haben will. Die Idlip-Bilder sind in den Köpfen der Europäer angekommen.

Nun kommt der nächste Schritt. Er droht die Grenze nach Europa zu öffnen, die er bis dato für viel, viel europäisches Steuergeld geschlossen gehalten hat.

Die ersten Bessermenschen werden langsam unruhig. Sie assoziieren Schreckensbilder aus Idlip mit der geschlossenen Grenze in Griechenland zur Türkei und werfen die Hypophyse an. Ihre Gegenspieler, die Fremdenhasser und europäischen Faschisten werden nun auch nervös und erhöhen ihren Hass-Ausstoß im Netz.

Die Stimmung in Europa heizt sich langsam auf.

Beide Lager sortieren schon mal Fotos vor, die ihre jeweiligen Standpunkte belegen und beweisen. Die Faschos haben etwas mehr zu tun, müssen sie doch immerhin auch noch etliche fälschen.

Nun ist Idlip nicht nur 1400 Kilometer von der nächsten europäischen Grenze entfernt. Der türkische Despot hat dafür gesorgt, dass die syrische Grenze in die Türkei geschlossen ist und bleibt. Kein Mensch aus der Region hat überhaupt die Chance bis an Erdogans geöffnete Grenze nach Griechenland zu gelangen.

Aber, darum ging es ja auch die ganze Zeit gar nicht. Er hat ja noch die in der Türkei bereits etablierten Flüchtlinge. Denen erzählt Erdogan nun, dass sie ab sofort nach Europa reisen können.

Und auf einmal geht es los. Sie kommen mit Bussen, mit dem Taxi, aber auch zu Fuß. Und stoßen auf sie abweisende Griechen, die mit aller Kraft verhindern müssen, dass sie auf europäisches Gebiet gelangen. Die Presse ist bereits erschienen, um entsprechende Bilder in die europäischen Wohnzimmer zu liefern. Der Aufschrei geht durch die sozialen Medien. Öffnet die Grenzen, hört und liest man. Die etablierte Presse hat schon passende Reportagen von den schlimmen Verhältnissen in den griechischen Flüchtlingslagern vorbereitet.

Die Griechen sollen die Menschen ins Land lassen, hört und liest man jetzt.

Vielleicht mag sich jemand mal vorstellen, was die wohlhabenden EU-Staaten mit Griechenland machen würden, wenn dieses kleine Land, das noch immer am Tropf der großen Mitglieder hängt, es wagen würde, die Leute jetzt ins Land zu lassen.

Aber das sieht Erdogans Plan eh nicht vor. Er freut sich ganz sicher, wie die Bessermenschen nun anfangen, genauso zu funktionieren wie er es vorgesehen hat.

Sie haben einen Feind gefunden. Die Griechen! Diese herzlosen Griechen!

Versuch jetzt mal, denen zu sagen, dass die Flüchtlinge per Taxi an die Grenze gefahren sind. Du bist schneller in der rechten Schublade verstaut als du dir vorstellen kannst.

Nein, da sind die Bilder aus Idlip in den Köpfen! Die aus Idlip stehen jetzt an der Grenze! Und sitzen in den Booten! Das sind Kinder! Sie erfrieren!

Die ersten Politiker/innen kochen ihr Süppchen auf der lodernden Stimmung. Und zwar alle aus allen Parteien. Und das ist erst der Anfang. Es wird eskalieren.

Die Menschen, die gehofft hatten, nach Europa zu gelangen, werden benutzt. Die Fremdenhasser in Europa werden benutzt. Die Bessermenschen werden benutzt. Sie gehen alle aufeinander los. Und Erdogan lacht.

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