Das Maß aller Dinge – Leseprobe

Das Maß aller Dinge

Achter Aspekt weiblichen Seins

Die Heilerin:

Ich transformiere, Ihr Tier ist die Schlange
Sie gibt dir die Fähigkeit zu verändern.

Sie ist von einer besonderen Faszination, die manche Frauen schaudern macht. Du fühlst dich von ihr angezogen, bezaubert und betört, aber du weißt, daß sie dir den Boden unter den Füßen wegziehen wird. Vielleicht nicht jetzt, nicht sofort, aber irgendwann, eines Tages, wenn du ganz und gar nicht damit rechnest. Sie sagt: „Verlaß dich nicht auf mich. Ich könnte dich enttäuschen.“ Du hörst es, du weißt es, aber du glaubst es nicht wirklich. Bis es geschieht. Und es wird geschehen. Denn das ist ihre Aufgabe in deinem Leben. Die Heilerin hat ein heißen Herz. Sie kennt die Ekstase. Sie ist durch den Wahnsinn gegangen. Sie ist viele Tode gestorben, bevor sie begann, andere hinein und hindurch zu begleiten. Die Heilerin ist das brennende Verlangen nach Wandlung so wesensnah wie anderen Hunger und Schlafbedürfnis. Manchmal hat sie für dich erschreckende Züge, mag dir grausam erscheinen, weil sie sich nicht vor den dunklen Kräften fürchtet, die dich so schrecken. Aber wie sonst soll sie eine Heilerin sein? Sie lebt mit den Elementen, mit den Geistern. Sie ist intensiv, dramatisch. Für sie ist Leidenschaft, glühendes Feuer, eine antreibende Kraft.

Die Heilerin repräsentiert die Göttin auf einer ganz bestimmten Ebene. Sie muß alles Gefühle in großer Intensität und Tiefe durchleben, damit sie weiß, wovon sie spricht, wenn sie zu heilen beginnt. Damit sie weiß, was du fühlst, wenn du in der Mitte der Transformation steckst. Mit ihr verbindest du Vergangenes, bis du es loslassen kannst. Sie begleitet dich in die Anderswelt, dorthin, wo das kosmische Selbst lebt.

Vielleicht ist sie der Göttin liebstes Kind. Das mag ihr selbst oft nicht so erscheinen, denn sie hat es nicht unbedingt leicht mit sich selbst. Sie kann spüren, daß etwas sie treibt, und sie fühlt sich dem eigenen inneren Erleben oft genug ohnmächtig ausgesetzt, weil sie nicht anders kann als diesem Antrieb, diesem leidenschaftlichen Antrieb zu folgen. Wenn sie den Gedanken zuließe, daß die Göttin, das kosmische Selbst ihr diesen schweren Job offenbar auferlegt hat, weil sie ihr ihn ganz einfach zutraut, wäre das Leben schwer wird, hilft der Heilerin die Kraft der alten Weisen, die ihr davon erzählen kann, daß das alles schon so seine Richtigkeit hat. Die Wissende mag ihrem hitzigen Leid Kühlung verschaffen, die Liebende verwickelt sie in ein spielerische Wolfsbeißerei in einem Mohnfeld. Wenn es um die eigene Transformation geht, wenn auch die Heilerin geheilt werden muß, dann ist es Zeit, daß die wilde Frau in Erscheinung tritt und sie mit in das Labyrinth nimmt, wo sie sich erneuern kann.

Die Heilerin hilft dir nicht unbedingt, das Leben zu begreifen. Sie hilft dir eher, dein Leid zu erleben, zuzulassen, wahrzunehmen. Wenn es so weit gekommen ist, daß wir der Heilung bedürfen, wenn also Leid uns beherrscht und bestimmt, kann es auch nicht mehr darum gehen, aus der Distanz eine Klärung deiner Probleme zu erreichen – dann mußt du deinem Leid begegnen, ihm gegenübertreten und von diesem Standpunkt aus wieder in Bewegung kommen. Das ist bei körperlichen Krankheiten etwas anderes als bei sozialem Elend oder seelischem Schmerz. Wenn du dich verletzt hast, mag Breitwegerich deine Wunde heilen lassen. Vielleicht lindert das Sozialamt deine inanziellen Symptome, eine gute Therapeutin hört dir aktiv zu. Aber die Heilerin kann sich damit nicht begnügen. Genausowenig solltest du es tun.

Wahre Heilung geschieht aus deinem Innersten heraus. Sie ist eine Frage des Loslassens und Anerkennens dessen, was es ist.

Dei Bewegung der Energie der Heilerin ist schlängelnd, zukend, lodernd, spiralig, es ist eine Abwärtsbewegung, die in die Tiefe geht. Es kannn sein, daß du sie erlebst, als täte eine Falltür sich unter deinen Füßen auf. Dann geht es nicht langsam genug, um die Abwärtsspirale zu empfinden. Es ist aber eine, da sei ganz sicher. Du fühlst, wie der Boden unter dir verschwindet. Und bevor du noch weißt, was geschieht, befindest du dich schon im freien Fall. Dann hast du genau solange Zeit, dich für das Leben zu entscheiden, wie du brauchst, um unten anzukommen. Dort, wo Hekate bei den unterirdischen Quellen unseres Seins auf dich wartet, um dir zu zeigen, wie Heilung beginnt.

Wenn du vor dieser Bewegung zurückschreckst, bedenke, daß es nicht die Heilerin ist, vor der du dich fürchten solltest. Sie ist es nicht, die dich in die Tiefe stößt. Nicht sie läßt dein Boot kentern und absaufen. Nicht sie errichtet den Scheiterhaufen unter deinen Füßen und zündet ihn an.

Es ist die Transformation, die dich beschwert. Die Transformation gibt es nicht, weil es die Heilerin gibt, sondern es gibt die Heilerin, damit du dich verändern kannst. Es ist nicht viel, was sie für dich tun kann. Sie kann nicht wirklich heilen, wenn du dich im freien Fall befindest. Aber wenn du glaubst, daß deine Seele bereits von stummen Engeln zu Grabe getragen wird, dann stärkt die Heilerin deine Kraft, daß du dich erneuerst.

Wenn es sich häutet, lebt jedes Geschöpf in Trauer und Angst. Wenn es sich häutet, ist jedes Geschöpf ein Friedhof und voller Klage. Die Raupe stirbt, wenn sie ihre Puppe bildet. Die Pflanze stirbt, wenn sie in Samen schießt. Niemand kann die Raupe heilen oder die Pflanze retten. Wenn das Alte verbraucht ist, muß es verschwinden und Neuem Platz machen. Die Zeiten der Trauer sind erst vorüber, wenn der neue Zustand erreicht ist. Wenn aus der Puppe der Schmetterling schlüpft, wenn die neue Haut fest geworden ist. Deine gesamte Vergangenheit ist nur eine Geburt. Das Vorbereiten der Zukunft besteht nur im Begründen der Gegenwart.