- - - 7. Februar 2024 - - -

Philotimia

Nur mal so angenommen, dass es heute auch noch üblich wäre, unsere Könige, die ja Gott sei Dank nur auf Zeit gewählte Politiker sind, nach einer gewissen Zeit des Regierens ins Labyrinth zu schicken, wie einstmals bei den kretischen Minoern, der ersten europäischen Hochkultur. Damit sie dort mit dem Minotaurus kämpfen, also mit dem Wilden, Animalischen, Bedrohlichen, Abgespaltenen in sich. Damit sie dort ihrem Schatten begegnen, all dem, dessen man erst dann gewahr wird, wenn nichts mehr da ist, das einen ablenken oder betäuben könnte. Wie würde es Kickl da drinnen ergehen? Oder dem Nehammer Karli? Oder gar Friedrich Merz und Söder?

Mit welchen Gesichtszügen wäre ihr Minotaurus ausgestattet? Man mag es sich gar nicht vorstellen.

Nur mal so angenommen, sie wären gerade zu dem Zeitpunkt, an dem sie ins Labyrinth geschickt werden, auch in ihrem persönlichen Erleben an dem Punkt angekommen, an dem sie zu einer Innenschau fähig wären. Also lernfähig. Könnten sie erkennen, dass sie sich selbst sehen, wenn sie den anderen anschauen? Genauer gesagt, dasjenige an ihnen, welches sie selbst nicht wahrhaben können oder wollen? Philotimia sollte man ihnen wünschen. Philotimia heißt, im anderen, im Gegner, auch immer den möglichen Freund zu sehen und sich bei allem, was man tut, von Achtung leiten zu lassen. Eine Form emotionaler Intelligenz. Äußerst selten in der Branche Politik.

- - - 26. Januar 2024 - - -

Das Geheimnis des Gartens

Der Garten mit seiner Grenze, die das Wilde ausschließt, ist wie ein geheimer Ort, an dem gedeihen kann, was in der Wildnis keine Chance hat. Behütet von uns, gehegt und geschützt. Hier treffen sich die Liebenden. In seinen Grenzen lädt der Garten zum Träumen ein. Ein Ort für Musik und die Grundlage für die unglaublichsten Köstlichkeiten, die später sozusagen als essbare Musik auf unseren Tellern dazu verführen mehr zu essen als wir eigentlich sollten.

- - - 24. Januar 2024 - - -

Schon immer hier?

„Bedenken Sie, wir waren schon immer hier“, sagte unser Bürgermeister zu uns und meinte: im Gegensatz zu euch, die ihr ja erst seit 35 Jahren hier lebt. Es ging um das Anrecht der Jäger, auf unserem Grund Krähen abzuschießen.  Man sieht, die Fantasien der österreichischen und deutschen Rechtsausleger von der Deportation der Migranten fällt auf fruchtbaren Boden. Denn es sind beileibe nicht nur die Rechtsextremen, die uns Migranten als geduldete Feinde betrachten. Das Einzige, was mich daran überrascht ist, dass die Allgemeinheit auf einmal furchtbar überrascht darüber ist.

Ich schaue sie mir alle an, die hier schon immer da waren und denke: Von wegen schon immer. Leute, ihr seid auch erst seit kürzester Zeit da. Bevor eure Mütter euch auf die Welt gebracht haben, gab es euch hier auch nicht. Und in ein paar Jahren – möget ihr auch in Frieden und Freude steinalt werden – seid ihr wieder verschwunden. Vorher und nachher sind also ganz andere Leute da. Es herrscht auf Erden ein Kommen und Gehen. Das ist das Prinzip irdischen Lebens. Niemand, wirklich niemand war schon immer da.

- - - 18. Januar 2024 - - -

Wonach wir im Leben suchen und wie wir es finden

Mir ist der Sinn meines Lebens oft, sehr oft verloren gegangen. Besonders in der ersten Hälfte meines Lebens, also den ersten 50 Jahren, wusste ich oft nicht, warum ich eigentlich noch weitermache.

Und wie ist es heute? Heute bin ich mir meiner selbst sicher. Schon lang. Ich habe – wieder – die Verbindung zu meinem Unterbewusstsein (meiner Vergangenheit) und meinem Überbewusstsein (meiner Zukunft und meiner Anbindung an das Göttliche) gefunden. Und bin dort angekommen, wo wir den Sinn des Lebens im Einfachen finden. Im einfachen Leben, in der Freundschaft zu anderen, ob Mensch oder Tier, in der Fürsorge für die, welche wir lieben und die, welche niemanden haben, der sie liebt.

Unseren Hof aufzubauen, zu roden, zu pflanzen, zu pflegen und zu ernten ist der Rahmen, in dem ich mich bewege, der mir Halt und Gelegenheit gibt, den Sinn meines Lebens täglich zu spüren und in Lebensfreude umzuwandeln.

Schwer zu sagen, was genau denn dazu geführt hat, dass mich die Krisen und Konflikte des Lebens nicht mehr niederschmetterten und nicht mehr verzagen ließen, sondern ich daran wuchs (hoffentlich). Ich will auch gar nicht den überstrapazierten Begriff Resilienz bemühen. Ich glaube aber, dass es zweier Dinge bedarf: der glasklaren und unbedingten, ausnahmslosen Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und außerdem der Bereitschaft, anderen zuzuhören und ihr Anderssein und Andersdenken anzuerkennen. (Was noch lange nicht heißt, dass man jeden kruden Mist, den jemand von sich gibt, gutheißt). Aber man sollte nicht missionieren. In keine Richtung.

Dann bleibt nur noch, das richtige Bitten zu lernen. Bitten, dass sich offenbaren möge, worum es im eigenen Leben eigentlich geht.

- - - 6. Januar 2024 - - -

Kassandra

„ …wissend, dass Wissende niemals etwas gegen den drohenden Untergang ihrer Kultur/Zivilisation haben ausrichten können; wissend, dass wir Europäer in den letzten Jahrzehnten mehrmals Kriegen auf anderen Erdteilen zugesehen haben, die für die betroffenen Völker Vernichtungsdrohungen waren; wissend, dass nun also die anderen Erdteile ‚die Welt‘ ausmachen werden, die uns zusieht. Dass dies denkbar und möglich ist.“

(Christa Wolf, Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra)

Mir war dieses Buch von Christa Wolf immer wichtiger und eingehender als der eigentliche Roman über Kassandra, den sie geschrieben hatte.

Als sie diese Worte schrieb, existierte der Eiserne Vorhang noch. Dass Russland einmal Kriege gegen Tschetschenien, Georgien, die Ukraine führen würde, war undenkbar. Ebenso, dass es in Jugoslawien einen Krieg der Serben, Kroaten, Slowenen, Bosnier und Albaner geben würde.

Und noch undenkbarer, dass wir einmal dort stehen werden, wo wir jetzt sind. Uns trennen nur noch wenige Wahlen in mehreren Ländern, besonders aber die anstehende Wahl in den USA von dem Untergang des demokratischen Systems.

Mich hatte immer die Zeit beschäftigt, die in der Geschichtsschreibung und Archäologie das dunkle Jahrhundert genannt wird. Die Zeit um 1200 vor unserer Zeitrechnung. Es gibt sehr viele Ähnlichkeiten zu unserer Zeit. Der Trojanische Krieg gehörte damals mit in diese Zeit. Das, was wir heute behüten und retten wollen, war das, was damals nach dem Untergang der alten Zivilisation folgte. Das Patriarchat. Daraus kann man schließen, dass es immer irgendwie weitergehen wird. Der einzige Gedanke, der sich wirklich mit Hoffnung aufladen lässt, ist, dass wir Frauen – ja, wir Frauen, heute stärker und selbstbewusster, gebildeter und willensstärker denn je in den letzten 5000 Jahren sind.

Was können wir tun? Wie Christa Wolf schon schrieb, können wir nichts tun. Die Dinge nehmen ihren Lauf; haben ihn schon seit geraumer Zeit genommen.

Das Bild zeigt archäologische Ausgrabungen der Kultur der Hethiter, die im so genannten dunklen Jahrhundert (1200 vor Zeitrechnung) komplett untergingen