Kein Bock auf Ziegen – Leseprobe

Kein Bock auf Ziegen

„Was ist nur mit mir los?“ sagte sie laut zu sich selbst und horchte verunsichert dem Hall ihrer Stimme nach.

„Kommen sie zur Beichte?“ fragte der Priester, der aus einer Seitentür getreten war. Die Schwarze Witwe fuhr erschrocken zusammen. „Allmächtige Mutter, nein“, sagte sie. „Ich nehme an, Sie sind der Pfarrer von St. Peter?“ fragte sie dann.

Er nickte. „Kann ich etwas für Sie tun?“

„Ich glaube nicht“, sagte die Schwarze Witwe. „Das heißt, vielleicht doch.“ Sie musterte den Mann in seiner schwarzen Soutane mit dem Holzkreuz auf der Brust. So einer wie du wird ausgestattet mit den Insignien der Macht. Lächerlich. Und dann diese Frauenkleider. Laut sagte sie: „Ich interessiere mich für das Schicksal der kleinen Veronika Rauch, die vor einigen Wochen tödlich verunglückt ist.“

„Ja?“ fragte der Pfarrer, sein Blick verschleierte sich.

„Ja“, sagte die Schwarze Witwe.

Schweres Schweigen stand im Raum.

„Ja“, sagte die Schwarze Witwe wieder und wartete.

„Ja.“ Der Pfarrer räusperte sich.

„Schrecklicher Tod.“ Die Schwarze Witwe starrte den schwarzen Mann an. Er wich ihrem Blick aus und sah zu Boden. Die Schwarze Witwe ließ dem Schweigen weiteren Raum.

„Sind Sie eine Verwandte?“ fragte er schließlich.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Ich interessiere mich aus anderen Gründen für den Tod der jungen Frau.“

„Darf ich fragen, aus welchen Gründen?“

„Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, es war nicht nur ein Autounfall“, antwortete sie.

„Das glaube ich auch nicht“, sagte er.

„Ach, Sie auch nicht?“ staunte die Schwarze Witwe.

„Eigentlich weiß ich sogar, daß es nicht nur ein Autounfall war“, setzte er nach, und in seiner Stimme war ein Anflug von Triumph.

„Interessant“, kommentierte die Witwe und spielte mit ihren schwarzen Handschuhen.

„Ja.“ Er machte eine bedeutungsschwere Pause, und als sie nicht nachfaßte, fuhr er fort: „Es war die Strafe Gottes für einen liederlichen Lebenswandel.“

Die Schwarze Witwe starrte ihn überrascht und sprachlos an. „Ist das Ihr Ernst?“ fragte sie tonlos.

Er nickte. „Gott selbst hat es mir gesagt. Ich stehe in Verbindung mit ihm.“ Er sah sie eindringlich aus gläsernen Augen an. „Ich meine in direkter Verbindung.“ Sie schaute offenen Mundes zurück. „Täglich“, setzte er nach und trat einen Schritt näher.

Genau wie damals der Wotrube, dachte sie.  Wie habe ich ihn seinerzeit nur in Schach gehalten? Jetzt weiß ich es wieder. Ich habe ihn niedergeredet, Pauf auf, Burschi, ich werd dich jetzt niederreden.

 

Die Schwarze Witwe suchte nach Worten. „Wie liederlich kann ein Lebenswandel sein, daß Ihr Gott meint, dafür eine Strafe wie einen tödlichen Autounfall schicken zu müssen?“ fragte sie dann.

„Nicht nur der Unfall ist eine Strafe.“

„Was denn noch?“

Der Mann hob die Hand und stach mit dem Zeigefinger Richtung Himmel. „Sie ist für ihre Sünden der ewigen Verdammnis anheimgefallen.“

„Was waren denn ihre Sünden?“ fragte sie.

„Sie ging jeden Samstag in die Disco“, sagte er.

„Wollen Sie ernsthaft behaupten, daß Tanzen eine Sünde ist?“

Er nickte. Seine Augen flackerten unruhig. Sein rechter Mundwinkel zuckte nervös.

„Tanzen ist doch ein Ausdruck von Lebensfreude“, versuchte sie ihn zu überzeugen.

„Sie treiben Unzucht“, zischte er. „In aller Öffentlichkeit. Gott wird sie alle dafür strafen. Er hat es mir gesagt.“ Er atmete schwer. „Sodom und Gomorrha“, setzte er nach und schüttelte den erhobenen Arm.

„Da hat mir Frau Lot aber etwas anderes erzählt“, erwiderte die Schwarze Witwe. „Jedenfalls, was Sodom und Gomorrha angeht. Von der kleinen Veronika Rauch weiß ich weniger. Aber Sie müssen sie gekannt haben.“

„Sie war Mitglied der Pfarrjugend“, sagte er.

„Dann kann sie ja nicht ein gar so schlechter Mensch gewesen sein“, gab die Schwarze Witwe zu bedenken.

„Ich habe versucht, sie auf den rechten Weg zurückzuführen“, erklärte er.

„War ihr Lebenswandel, außer daß sie in die Disco ging, auch sonst liederlich?“ fragte sie.

Er starrte sie an. Dann nickte er kaum sichtbar.

„Was um der Göttin willen hat sie denn getan?“ fragte sie.

„Ich kann es nicht sagen.“ Er wich einige Schritte zurück.

„Beichtgeheimnis?“ fragte sie.

„Ja“, sagte er und zerrte an seinem Kragen.

„Wie ich hörte, war sie mit dem Sohn des Friseurs befreundet“, setzte die Schwarze Witwe erneut an.

„Auch er muß auf den rechten Weg zurückfinden.“ Er schrie jetzt beinahe.

„Wie ich gehört habe, spielt er ganz wunderbar Geige“, sagte sie. „Das ist doch ein Gottesgeschenk, wenn einer ein solches Talent besitzt. Was hat er getan, daß er trotzdem in Ihren Augen keine Gnade findet?“

„Es ist zu furchtbar“, stammelte er. „Bitte dringen Sie nicht weiter in mich. Quälen sie mich nicht.“ Er zitterte und ballte die Fäuste.

„Mit welchem Gott stehen Sie in Verbindung?“ fragte sie, einer plötzlichen Eingebung folgend.

Er blickte sie verständnislos an.

„Mit Gottvater oder Jesus Christus?“ erläuterte sie.

„Mit dem Herrn“, erwiderte er.

„Mit welchem?“ fragte sie.

Es sah sie an, als wüßte er nicht, ob sie ihn nicht verstanden hatte oder ihn veralbern wollte. „Jesus Christus ist mein Herr“, sagte er.

„Ich stehe mit der Göttin in Verbindung“, sagte sie.

Er wich zurück. „Dies ist das Haus des Herrn.“

„Das kann schon sein“, gab die Schwarze Witwe zu. „Aber ich bin unterwegs in einer Mission seiner Mutter, und der gefällt vieles nicht, was ihr Bub in den letzten zweitausend Jahren angestellt hat.“

„Blasphemie!“ rief er und zitterte. Sein Mundwinkel zuckte noch heftiger. „Weiche, Satan!“ stammelte er und bekreuzigte sich.

Die Schwarze Witwe schlug vorsichtshalber noch einmal das Pentagramm. „Beruhigen Sie sich doch, guter Mann“, sagte sie dann. „Maria ist nun mal seine Mutter und Anna seine Großmutter. Das wissen Sie doch. Ehret die Mütter, kann ich nur sagen.“

Er sah sie vollkommen verblüfft an.

„Der ist ein schlechter Sohn, der nicht auf das Wort der Mutter hört“, setzte sie nach und wunderte sich für einen Moment selber, woher sie die Worte nahm.

„Vater unser, der du bist im Himmel.“ Sein Ton wurde beschwörend.

„Auch der Vater hatte einst eine Mutter, denn ohne Mütter ist kein Leben“, hielt sie dagegen.

Ihm standen die Schweißperlen auf der Stirn. Er ballte die Fäuste. „Dein Wille geschehe, o Herr“, sagte er.

„Die Mutter gibt, die Mutter nimmt auch wieder.“ Sie sah ihm tief in die Augen. Er stöhnte. „Die Mutter sagt, der Sohn solle sein Haus in Ordnung halten.“

„Das tue ich doch“, antwortete er. „Ich halte das Haus des Herrn in Ordnung. Ganz in seinem Sinn.“

„Die Mutter ist nicht zufrieden“, murrte sie. „Du hast es nicht gut genug gemacht, mein Sohn.“

Er rang sich einen trockenen Schluchzer ab. „Ich tue, was ich kann“, jammerte er.

„Dann schauen wir einmal, was du getan hast“, sagte sie.

Er sah aus, wie ein Sechsjähriger, der bangend den Nikolaus erwartet.

„Hast du der kleinen Veronika ein Leid angetan?“ fragte sie, als wäre er ein kleiner Junge.

Der Priester schüttelte den Kopf.

„Auch nicht im Namen des Herrn?“

Er schüttelte den Kopf noch heftiger.

„Kennst du das hier, mein Sohn?“ Sie zog Veronika Rauchs roten Pullover aus ihrer Tasche.

Der Pfarrer blickte auf den Pullover und schüttelte wieder den Kopf.

Die Schwarze Witwe starrte ihn lange und eindringlich an. „Ich glaube dir“, sagte sie dann. „Ich werde der Mutter deines Herrn berichten, daß ich dir glaube.“

„Danke“, sagte er.

„Wie geht es Ihrer Mutter?“ fragte sie unvermittelt.

„Es geht ihr gut“, antwortete er automatisch und sah sie verwundert an, als erwache er soeben aus einer Trance.

Bedeutungsschwer nickte sie. „Ich hoffe, Sie sind ihr ein dankbarer Sohn“, sagte sie. „Immerhin verdanken Sie ihr das Leben.“

Er antwortete nicht, aber sein Blick war schuldbewußt.

„Vergessen Sie niemals, wem Sie wirklich Ihr Leben verdanken“, setzte sie nach. „Und denken Sie daran: Die Mutter gibt, die Mutter nimmt auch wieder.“

In seinen Augen stand Furcht. Er drehte sich um und rannte, so schnell es die Soutane erlaubte, zur Seitentür, um grußlos dahinter zu verschwinden.